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Charles Dickens: Sein Wohnhaus ist jetzt ein Museum

Genau 200 Jahre ist es her, dass der Erschaffer weltberühmter Figuren wie Oliver Twist, David Copperfield oder des geläuterten Fieslings Ebenezer Scrooge aus der „Weihnachtsgeschichte" das Licht der Welt erblickte. London dankt seinem großen Autoren und hat dieses Jahr drei Millionen britische Pfund (ca. 3,7 Mio. Euro) investiert, um Dickens ehemaliges Wohnhaus in ein grandioses Museum zu verwandeln.  Der Direktor des Museums ist sichtlich stolz: „Es sieht aus, als hätte Dickens gerade das Haus verlassen".

Charles Dickens liest David Copperfield (Bild: ddp Images)

Jahrelang war das vierstöckige Backsteinhaus, wo Dickens über viele Jahre seines Lebens mit seiner ersten Frau Catherine Hogarth und ihren gemeinsamen zehn Kindern lebte, ein verstaubtes und wenig beachtetes Museum — unattraktiv selbst für eingeschworene Literatur-Fans. Dabei kennt fast jeder Mensch mindestens eines von Dickens Werken. Seine Geschichten um Gier, Armut, Macht und Geld sind zeitlos und bis heute brandaktuell. Er benutzte Klischees, Groteske, Übertreibungen und Satire, ließ seine Protagonisten in Mundart sprechen und verstieß notorisch gegen den guten Geschmack der Zeit. Er wechselte in seinen Romanen aufsässig zwischen Gegenwarts- und Vergangenheits-Form — eine Unerhörtheit unter damaligen Schreibern.

Aber Dickens war nicht von ungefähr ein rast- und ruheloser Geselle seiner Zeit, der zudem in ständiger Angst lebte, er könnte verarmen, und das, obwohl er bereits mit 25 Jahren ein bekannter Autor und gut verdienender Mann war. Er war erst 10 Jahre alt, als sein Vater 1822 nach London versetzt wurde, in Geldschwierigkeiten geriet und für mehrere Monate im Schuldnergefängnis einsaß. Der 12-jährige Charles wurde aus der Schule genommen und musste etwa ein Jahr in einer heruntergekommenen Schuhwichsefabrik arbeiten. Nicht ohne Folgen: Kinderarbeit, Kriminalität, Ungerechtigkeit, seelische Misshandlung, Brutalität der Gesellschaft gegenüber Armen und Schwachen, das sind die Themen seiner späteren Bücher.

Ein Schild am ehemaligen Wohnhaus Dickens erinnert an den großen Autoren (Bild: Rexfeatures)Ein Schild am ehemaligen Wohnhaus Dickens erinnert an den großen Autoren (Bild: Rexfeatures)

Eine Stunde dauert der nächtliche Weg durch ein durch und durch verkommenes London von dieser Fabrik bis zum Gefängnis, wo er mit Mutter und Vater zu Abend essen soll. Jeden Tag spielt er an einer Straßenecke das gleiche Spiel: Von hier bis dort drüben rennen, ohne ermordet zu werden. Der Fußweg führt unter wuchtigen Brückengewölben hindurch an der Themse entlang, die von den Lichterketten der am Ufer befestigten Boote beleuchtet wird. Über die London Bridge geht es dann nach Southwark, damals ein Slum mit viel Gesindel, reichlich Prostitution und verwaisten Kindern, die in Körben auf der Straße schlafen und verzweifelt alles anspringen, was Geld oder Essen verspricht.

Man kann die Schauplätze von Dickens' dunklem London nach Einbruch der Nacht heute selbst erlaufen. Er selbst blieb bis an sein Lebensende ein Nachtwanderer, der sich nach ziellosen Spaziergängen durch die Dunkelheit ohne genug Schlaf an den Schreibtisch setzte, seine berühmten Bücher schreib, um der Verantwortung zu entgehen, die ihm durch Frau und Kinder eine große Last war. Nach 22 Ehejahren trennte er sich dennoch 1858 von seiner Frau Catherine und ging unter vielen Skrupeln eine Beziehung zu der jungen Schauspielerin Ellen Ternan ein. Er versuchte sich mit exzessiven Lesereisen abzulenken. Doch noch stärker als in anderen Phasen seines Lebens wurde er von Schlaflosigkeit geplagt. Oft war er von Mitternacht bis zum Morgengrauen unterwegs. Auf diesen Spaziergängen entstanden seine Ideen. Dickens hatte ein hervorragendes Gedächtnis und vermutlich ein fotografisches Gedächtnis. 1870 erlag er einem Schlaganfall. Heute liegt er in der Westminster Abbey begraben.

Das Museum im ehemaligen Wohnhaus des Ausnahmeautoren bietet viele weitere spannende Einblicke in die Ära in London und Dickens Leben aus seinen Aufzeichnungen und Reisedokumenten, sowie denen seiner Zeitgenossen.

Charles Dickens im Kino: Basierend auf dem Klassiker von Charles Dickens kommt "Große Erwartungen" in einer neuen Verfilmung mit Jeremy Irvine als Pip und Holliday Graingier als Estella, Helena Bonham Carter und Ralph Fiennes ab 13. Dezember in die deutschen Kinos.

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