Cyberchondrie: Ist Dr. Google der bessere Arzt?

Kann man der Netz-Diagnose trauen? (Bild: Thinkstock)Kann man der Netz-Diagnose trauen? (Bild: Thinkstock)

Was würde wohl Molière dazu sagen? Mit seinem Stück "Der eingebildete Kranke" beschrieb der französische Theatermann herrlich ironisch das, was vielen Menschen noch heute, knapp 340 Jahre nach der Uraufführung, zu schaffen macht: die Angst vor einer tödlichen Krankheit. Hypochonder nennt der Experte jene Patienten, die von Arzt zu Arzt rennen, um dort lediglich Entwarnung für ihre vermeintlichen Symptome zu erhalten. Mancher will für eine Diagnose aber nicht einmal mehr die eigenen vier Wände verlassen — dem World Wide Web sei Dank! Doch ist Dr. Google wirklich der bessere Arzt?

Diverse Diagnosen

Geht der Hypochonder ins Netz, wird er zum Cyberchonder, der einen nicht unerheblichen Teil seiner Zeit darauf verwendet, jede Regung seines Körpers genauestens zu beobachten. Die Suchmaschine wird mit möglichen Krankheitssymptomen gefüttert — doch die Ergebnisse, die der Algorithmus von Google ausspuckt, sind breit gefächert: Wer etwa die Ursache einer Sehstörung herausfinden will, stößt schnell auf die Diagnosen Unterzucker, Netzhautablösung oder gar Schlaganfall. Während die meisten Surfer bei solchen Suchergebnissen vermutlich nicht direkt in Panik ausbrechen, werden Cyberchonder dadurch erst wirklich krank.

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Symptome über Symptome

Das Nachschlagen von Krankheitsanzeichen ist jedoch keine Erfindung des Web 2.0. Vor dem digitalen Zeitalter gab es Gesundheitslexika, die sich in den Schrankwänden zahlreicher Wohnzimmer fanden. Die Wälzer arbeiten mit Symptomlisten und verweisen auf entsprechende Einträge. Das Internet hat sich dieses Prinzip zunutze gemacht: Auf einschlägigen Seiten lassen sich nach demselben Muster mögliche Erkrankungen ermitteln. Die Diagnosen in den Ergebnislisten können jedoch auf labile Menschen alles andere als beruhigend wirken. Wer Dr. Google oder seine „Kollegen" um Rat fragt, sollte die dort verfügbaren Informationen also am besten kritisch prüfen — und bei Verunsicherung doch besser den Fachmann aufsuchen.

Ursachen nicht ganz geklärt

Doch woher kommen Hypochondrie und Cyberchondrie? Experten sehen einen von vielen Auslösern in Traumata in der Kindheit, wenn etwa ein Familienmitglied an einer schweren Krankheit oder durch einen Unfall gestorben ist. Schlechte Erfahrungen mit Ärzten und lange Krankenhausaufenthalte können weitere Ursachen sein. Auch emotionaler Stress oder ein überbehütetes Aufwachsen mit allzu besorgten Eltern sind mögliche Auslöser. Eine genaue Diagnose gibt es nicht — jedoch ist in jedem Fall klar: Das Leiden der Hypochonder ist zumeist kein physisches, sondern ein psychisches. Dass viele von ihnen von ihren Mitmenschen nicht ernst genommen werden, verstärkt die Symptome. Sich einzugestehen, an Hypochondrie zu leiden, kann beschwerlich sein — immerhin ging Entertainer Harald Schmidt lange Zeit als prominentes Vorbild voran.

Was wirklich hilft

Die gute Nachricht: Auch gegen die eingebildete Krankheit ist ein Kraut gewachsen. Nach dem Eingeständnis, Hypochonder zu sein, folgt meist die Selbstdisziplin, nicht gleich bei jedem Zipperlein ins Netz zu gehen. Wer sich nicht ganz davon lösen kann, sollte zumindest auf seriöse Websites, zum Beispiel die Angebote von Krankenkassen, zurückgreifen. Am besten meidet man Dr. Google komplett und sucht sich im schwerwiegenden Fall psychotherapeutische Hilfe. Mit einer kognitiven Verhaltenstherapie lässt sich das Leben langfristig wieder sorgenfrei genießen — auch wenn's ab und zu mal zwickt.

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