Früher kam die Venus aus dem Wasser, mit Muschel, wallendem Haar und riesigem Getue, wie auf dem Gemälde von Botticelli. Heute kommt Amber Heard. Den Auftritt hatte sie in ihrem letzten großen Film „Rum Diary", und wer die Szene gesehen hat, wird sie nie vergessen: Da sieht man sie auftauchen, wie eine nackte Meerjungfrau, mitten in der Nacht, aus dem sternenklaren Wasser am Strand von Puerto Rico. Plaudernd, flirtend, so nicht-von-dieser-Welt, dass Johnny Depp die Kinnlade rettungslos runterfällt. Und für den Rest des Films auch unten bleibt.
Amber Heard für die Guess Sommerkollektion 2012 (Bild: ddp images)
Sexy war die Schauspielerin Amber Heard ja schon immer, aber so viel Erhabenheit und weibliche Statur wie in „Rum Diary" durfte sie im Kino bisher noch nicht zeigen. Angeblich soll sie beim Casting für die Rolle der freigeistigen Chenault sogar Scarlett Johansson und Keira Knightley ausgestochen haben. Die zwei Verliererinnen können einem leid tun.
Was ist das Besondere an Amber Heard? Wie ist diese 26-jährige, meistens blonde Texanerin zum neuen Hollywood-Shooting-Star und Tagtraum geworden? Die Antwort ist nicht so einfach. Weil es in der Realität eben keinen Knall gab, keinen Venus-Muschelklapp, kein sich teilendes Meer, aus dem sie heraustrat, direkt auf den roten Teppich. Amber Heard hat sich durchgebissen, gekämpft, konsequent, mit Durchhaltevermögen. Ein Engel mit starken Faustknöcheln. Sie wurde nicht hochgejubelt. Als Zuschauer bekam man die Chance, sich ganz freiwillig in sie verlieben, fast zufällig. Ohne es aufgedrängt zu bekommen. Aus solchen Geschichten entstehen die dauerhaftesten Beziehungen.
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Dabei könnte Amber Heard uns alles Mögliche verkaufen, wenn sie wollte. Waschmittel, Eiscreme, überteuerte Versicherungen. Wenn sie will, hat sie dieses Zahnpastalächeln, den Werbeblick, die typisch amerikanische Freiheit-für-alle-Mimik — und erlaubt sich im nächsten Moment etwas völlig Unerhörtes. Sie hat sich ja schon einiges geleistet: die extrem gewagten Nacktszenen in der Bret-Easton-Ellis-Verfilmung „The Informers", in der sie direkt nach dem Sex an der Marihuana-Bong zog und später am flotten Dreier teilnahm. Die Poolsequenz aus „Alpha Dog", wenn sie mit Amanda Seyfried den völlig überforderten Anton Yelchin zu einem FKK-Bad mit Nahkampfelementen provozieren. Die Venusrolle scheint ihr perfekter zu passen als jedes Kleidungsstück.
Dabei ist die Schauspielerei ja schon ihre Zweitkarriere. Nachdem Amber Heard mit 17 die Highschool abgebrochen hatte, zog sie nach New York, um sich als Model hochzuarbeiten. Ein Job, den sie heute als „die am wenigsten erfüllende Tätigkeit, die ich je ausgeübt habe" bezeichnet. „Im Modelbusiness bekommt man jeden Tag anschaulich zu sehen, wie verkorkst das Frauenbild in unserer Gesellschaft immer noch ist", urteilt sie rückblickend — völlig klar, dass sie beim zweiten Versuch keine solchen Kompromisse machen wollte. Sie zog nach L.A., wie tausend andere Mädchen auch. Und schlug sich prächtig durch die endlosen TV-Jobs und Kleinrollen, wie nur ganz wenige.
So war es dann auch keine romantische Komödie oder Sitcom, mit der sie bekannt wurde. Sondern ein Horrorfilm: In „All The Boys Love Mandy Lane" spielte sie das begehrte Darling der Highschool, in dessen Freundeskreis es während einer Wochenendparty zu einigen grauenhaften Todesfällen kommt. Ohne den Schluss verraten zu wollen: Dass Amber alias Mandy selbst nicht ganz unschuldig am Treiben des Killers war, machte die Rolle umso stärker. Von da an kannte sie jeder.
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Eines ihrer Vorbild bleibt Charlize Theron, die ähnlich makellose Schönheit, die sich für den Serienmörderinnenfilm „Monster" in, nun ja, ein Monster verwandelte. „Meine Utopie ist es, Frauen im Kino als kraftvolle, komplexe, kluge und meinungsstarke Wesen zu sehen", sagt Amber Heard. „Die man auch dann ernst nehmen kann, wenn sie gut aussehen." Was das betrifft, ist sie selbst auf dem besten Weg: Hinter dem Lächeln von Amber vermutet man immer eine zweite Ebene, eine Tiefe, eine doppelte Wahrheit. Vielleicht eine böse, vielleicht eine verwirrende. Diese Frau hört nie auf, spannend zu sein.
So verkündete sie vor zwei Jahren auch, eine Freundin zu haben. Ohne sexuell hundertprozentig festgelegt zu sein. Ein angebliches Techtelmechtel mit Johnny Depp (der wohl die nächtliche „Rum Diary"-Nixenszene gar nicht mehr vergessen konnte) wurde nie offiziell bestätigt — jetzt kommen auch erstmal neue Filme, „Paranoia" mit Harrison Ford und Gary Oldman, Robert Rodriguez' Trash-Spektakel „Machete Kills". Es gibt für Amber Heard noch massenhaft Köpfe zu verdrehen. Es geht los.

