Peter Leissl: "Es geht viel enger zu als in früheren Zeiten"

(tsch) Man möchte wahrlich kein Radsport-Reporter sein in diesen traurigen Zeiten. Die Ausübung dieser vormals beneidenswerten Profession gleicht gegenwärtig einem Ritt über den Bodensee. Wird immer noch gedopt? - Wer wollte das ein- für allemal entscheiden, da die Vergangenheit uns alle eines Schlechteren belehrte. Was für ein Schmierentheater liegt hinter uns: Mea-Culpa-Geständnisse und - wie sich später herausstellen sollte - leere Ehrlichkeitsversprechen. Hatte man nach den Geständnissen der "Alten" noch an die Jüngeren geglaubt, so wurde man just während der Tour 2007 schwer enttäuscht: Der Ausstieg von ARD und ZDF steckt noch in allen Knochen. Doch jetzt, 2008, sind die Sender insgesamt wieder 80 Stunden live dabei.

Der ZDF-Mann Peter Leissl, Jahrgang 1958, der von der Tour de France seit mehr als einem Jahrzehnt berichtet, hoch gelobt ob seiner fachlichen Kenntnisse und seiner großen Begeisterungsfähigkeit gleichermaßen, kennt sie alle, die schlimmen Fälle, hält das Kalendarium der Sündenfälle parat. "Ich hätte gerne den Schwerpunkt wieder auf das Sportliche gelegt", so sagt er und bekennt: "Die große Begeisterung von vor fünf, sechs Jahren ist abgebremst durch meine Ratio, durch den Verstand."

Doch Leissls Begeisterung für den Radsport ist immer noch groß. Er weiß, "dass die Zuschauer einschalten, um Menschen zu erleben, die ans Limit ihrer körperlichen Fähigkeiten gehen". Er meint die großen Pyrenäen- und Alpenpässe, die es auch bei der diesjährigen "Tour der Leiden" wieder zu überwinden gilt. "Man muss die Bergfahrer ansprechen", sagt Leissl, der selbst bereits viele der großen Pässe abgefahren hat, "sonst würde die Tour ihre Identität verlieren".

Etwas gemäßigter gehe es immerhin zu 2008, vor allem seien kraftraubende Transferreisen ausgespart. Was die Alpenpässe betrifft, so seien die "mit einem 6,8 Kilo leichten Rennrad und angemessenem Training "durchaus hochzufahren. Was es künftig jedoch nicht mehr geben sollte, das sei dieser "Radsport der zwei Geschwindigkeiten", wenn die, die alles Machbare ausnutzten, "an der Spitze mit den anderen spielten und nur noch private Fehden austragen", so wie im vergangenen Jahr der Däne Rasmussen und der Spanier Contador. Der Sieger von 2007 steht noch immer unter Doping-Verdacht.

Leissl setzt auf die Zukunft und damit die Selbstkontrollen der Tour. Auf jenen "biologischen Blutpass" des Internationalen Radsportverbands etwa, der die Fahrer unter Dauerbeobachtung stellt, der allerdings bei der diesjährigen Tour noch nicht greift, da er erst Ende Juli eingeführt wird. Darüber hinaus versuche die Tour in Eigenregie alles zu tun, um Manipulationen zu verhindern. So gebe es einen neuen Test auf Wachstumshormone, aber auch neu installierte Aufpasser im Ziel. "Was ich in diesem Frühjahr bislang erlebt habe, lässt gewisse Hoffnungen zu", sagt Leissl. "Es geht bei den Rennen sehr viel enger zu als in früheren Zeiten." Dass aber die, die im Gesamtklassement Chancen hätten, auch künftig alles ausloteten, "was machbar ist und nicht auffindbar", könne leider nicht ausgeschlossen werden. Einige schwarze Schafe werde es immer wieder geben.

Leissl selbst, der nicht nur Radsport, sondern auch andere Ausdauersportarten (Leichtathletik, Skilanglauf) kommentiert, sieht sich nicht gerne als "Dopingexperte", obwohl er seit der Tour 2007 immer wieder so bezeichnet wird

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