"Memento" - Gegen die Zeit
(tsch) Das Gedächtnis trügt. Feststellen kann das jeder, der versucht, aus dem Kopf einen Freund so zu beschreiben, dass ein Phantombild nach diesen Angaben gezeichnet werden könnte. Leonard, der Held des außergewöhnlichen Thrillers "Memento" (2000), den Sat.1 nun wiederholt, weiß dagegen genau, wie die wichtigen Menschen und Dinge seines Lebens aussehen. Er schießt Polaroidfotos, die er exakt beschriftet. Was wie eine Macke klingt, ist für ihn überlebenswichtig. Er hat ein defektes Kurzzeitgedächtnis und erinnert sich nur noch an ein Ereignis, das vor Wochen geschah: Es geht um den brutalen Mord an seiner Frau.
Guy Pearce ("L.A. Confidential"), der am 25. Dezember mit der Komödie "Bedtime Stories" auf die Kinoleinwand zurückkehrt, muss sich als Leonard im Film immer wieder neu entdecken. Das Publikum, das se

ine Angst und Verlorenheit deutlich spürt, lernt ihn als eine Art Charles Bronson auf dem Höhepunkt seiner Rachemission kennen. Ein toter Körper liegt mit dem Gesicht nach unten und einer Kugel im Kopf auf dem Boden. Eine Hand hält das Polaroid-Bild vom Tatort. Plötzlich wird das Bild blass, verschwindet, und die Kamera schluckt das Fotopapier. Blitzlicht leuchtet auf, Knochensplitter und Hautfetzen vereinigen sich wieder zu einem menschlichen Antlitz. Der Lauf der Pistole zieht sich zurück aus einem zuckenden Mund.
Christopher Nolans ebenso komplexer wie grandioser Indie-Thriller funktioniert so, als habe der Regisseur das Drehbuch von der letzten bis zur ersten Seite verfilmt. Durch eine schnelle Abfolge von kurzen, sich ergänzenden Rückblenden erzählt er die Geschichte und zwingt den Zuschauer und die Hau

ptfigur gleichermaßen dazu, das Geschehene und die Absichten der auftretenden Personen immer wieder neu zu bewerten. Die einzige Orientierung in diesem Thriller ist die Person des ehemaligen Versicherungsdetektivs Leonard Shelby - und mit ihm die Fotos, die Auskunft über Menschen geben, denen er begegnet. Eine davon ist die Barkeeperin Natalie ("Matrix"-Star Carrie-Ann Moss) - nach den Infos auf dem Polaroid eine Freundin. Von Leonard selbst ist bekannt, dass er den Mann finden will, der seine Frau ermordet hat. Seit der Nacht, in der sie starb, leidet er an einer seltenen Form des Gedächtnisverlustes. Er weiß nicht mehr, was vor 15 Minuten geschehen ist, wo er ist, wohin er geht und warum.
Für die wichtigsten Prämissen seines Lebens greift er zu Tätowierungen. Auf seiner Brust prangt die Botschaft seines Le

bens: "Finde und töte ihn." Viele weitere Hautbeschriftungen kommen auf seinem ganzen Körper noch hinzu. Alles Dogmen, die von Leonard nicht mehr in Frage gestellt werden - ein schwerer Fehler? Und was bringt Rache, wenn man sich später doch nicht daran erinnern kann?
"Memento" funktioniert ähnlich wie der Erfolgsthriller "Die üblichen Verdächtigen", bei dem nichts so ist, wie es scheint. Seine Spannung bezieht Nolans Film aus dem Zusammenbasteln der Informationen darüber, warum der Mord am Anfang geschehen musste. Der Psychotrip überzeugt aber nicht nur durch seine Geschichte, bei der die Grenzen zwischen Manipulation und Realität ständig in Frage gestellt werden
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