Zwischen Selbstkritik und Selbstzerfleischung: Medientage in München mit viel versprechenden Ansätzen

Überraschung: Kaum Glanz, gar kein Was-sind-wir-geil-Stakkato. Durch die Münchner Messehallen wehte bei den diesjährigen Medientagen sogar endlich mal ein feiner Hauch von Selbstkritik. Schon in der Keynote zur Eröffnung sagte der Philosoph und Erfolgsautor Richard David Precht ("Wer bin ich - und wenn ja wie viele") schlaue Sätze, die gar nicht oft genug wiederholt werden können. "Derzeit individualisieren wir uns zu Tode", schleuderte er etwa der Jeder-kriegt-und-kann-alles-immer-und-sofort-Mentalität, die immer mehr Mediennutzung und Medienangebot zu prägen scheint, entgegen. Es sei an der Zeit, systemrelevante Medien zu stärken.

Mancher Privatprogrammmacher oder Online-Anbieter mag bei solchen Gedanken bestimmt gleich geradezu diktatorische Züge anprangern wollen. Heißt nicht das Credo der Zeit "special interest"? Oder mindestens Diversifikation? Tatsächlich aber geht es anno 2009 um mehr als um Individualismus und die Existenz von Nischen. Precht setzt tiefer an, er sprach von Werten. Und von einer staatlichen oder gesellschaftlichen Verantwortung, nahm mit seinen Worten Politiker, Verleger, Senderchefs in die Pflicht. Die Leitmedien müssten in Krisenzeiten gestützt werden. "Wir sollten über Strukturfonds nachdenken", lautete gar seine Forderung.

Nur mit starken Leitmedien könne die Gesellschaft verhindern, dass die Öffentlichkeit durch das Internet kaputtfragmentiert werde und nur noch in Nischen diskutiere. "Es gibt kein Bestandsrecht für all die Sender, die es heute gibt, und relativ viele werden auf der Strecke bleiben", sagte Precht. Viele davon seien kein großer Verlust. Es sei jedoch wichtig, dass eine gemeinsame Öffentlichkeit erhalten bleibe, da davon die Werte abhingen. Die Leitmedien bezeichnete er als den "Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält".

Natürlich: So beifällig die Rede aufgenommen wurde, so lohnenswert es gewesen wäre, über diese Gedanken weiter zu debattieren, so schnell war das Thema auch wieder abgehakt bei den Medientagen. Immerhin, es gab weitere kritische Ansätze. Stefan Raab etwa nahm sich in einer launigen Analyse die Fernsehlandschaft vor - kein Philosoph gewiss, aber er wurde erwartungsgemäß deutlich: "Als wir vor zehn Jahren mit 'TV total' anfingen, gab es eine größere Vielfalt an Inhalten und sogar noch echte Menschen. Heute gibt es nachmittags ja nur noch nachgespielte Sendungen." Gefragt seien, so Raab, "Menschen mit Schulden, mit dreckigen Restaurants oder beschissenen Gärten". Wer in jüngerer Zeit, vor allem nachmittags, mal genauer ins Programm geguckt hat, wird dies nicht bestreiten.

Stefan Raab, selbst seit Jahren mit praktisch jedem seiner TV-Formate erfolgreich, vermisst bei den Fernsehmachern heute vor allem eines: Mut. "Für erfolgreiche Formate braucht man auch erfolgreiche Protagonisten. Es gibt allerdings nur noch sehr wenige dieser Protagonisten, die ein neues Format tragen können." Er vermisse heute eine Plattform wie einst der Musikkanal Viva, "der Leute wie Heike Makatsch, Jessica Schwarz und auch Nils Ruf hervorgebracht hat". Was seine Projekte so erfolgreich macht? Raab: "Es liegt am Team. Wir sind in einer einzigartigen Situation

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