Michael Degen: Soweit man glücklich sein kann ...
Das persönliche Glück geht nicht über die Sorge um die Welt, in der wir leben. Jedenfalls sieht das Michael Degen so. Der Schauspieler, dessen Lebensgeschichte schon verfilmt wurde ("Nicht alle waren Mörder", 2006), hat die Bedrohung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib erlebt, sich zusammen mit seiner Mutter Anna in Berlin versteckt. Bestimmt gibt es da einen Zusammenhang, dass sich der Deutsch-Israeli Degen mit seinen 77 Jahren nicht auf die freudvolle Insel zurückzieht, sondern mit zunehmender Sorge unser Land beobachtet. Vor zwei Jahren erklärte er, wenn er jünger wäre, würde er auswandern. Den erstarkenden Rechtsradikalismus nannte er damals als Grund. Er ist geblieben, spielt wieder Theater und ist auch in der ZDF-Produktion "Die Seele eines Mörders" (Mo., 16.11., 20.15 Uhr, ZDF) als Anwalt zu sehen. Statt sich altersmilde zu geben, hält er die Augen offen, auch wenn sie gerade wegen einer abflauenden Erkältung ein bisschen tränen. "Die Nase läuft, es ist alles furchtbar", lacht Degen.
teleschau: Es ist nicht das vordergründigste Thema in "Seele eines Mörders", aber der Film und insbesondere Ihr Charakter erkennt die Ehe als unanfechtbar und über jeden Zweifel erhaben an. Ist das ei

ne Realität, die Ihnen vertraut ist?
Michael Degen: Absolut, diese Art von Zusammengehörigkeit habe ich als Kind bei meinen Eltern erlebt. Als mein Vater beerdigt wurde und ich den Sand, wie es üblich war, auf den Sarg warf, hat mir meine Mutter ins Gesicht geschlagen. Danach sprang sie ins Grab, umklammerte den Sarg. Fragen Sie nicht, wie sie rausgeholt wurde. Sie war außer sich, später hat sie sich für die Ohrfeige entschuldigt.
teleschau: Diese Art des Miteinanders findet man heute selten.
Degen: Ja, das Gefühl der Zugehörigkeit ist verloren gegangen. Das ist etwas, das früher doch sehr oft vorhanden war. Wenn auch nicht überall eine solch besondere Liebe - nein, das ist schon wieder so ein pathetisches Wort, sagen wir Zuneigung - vorhanden war, wie im Falle meiner Elter

n.
teleschau: Diese beiden Menschen waren füreinander bestimmt, oder?
Degen: Nun, meine Mutter war ja bereits verlobt. Nur tauchte auf genau jener Feier ein anderer Mann auf, einer, der Geschichten erzählte, sodass keiner mehr einen Bissen aß, sondern alle gespannt zuhörten. Auch meine Mutter hing an seinen Lippen, und irgendwann nahm er ihre Hand. Die beiden sind weggegangen und wurden nicht mehr gesehen.
teleschau: Das passiert sonst nur im Märchen. Dieses Wissen hat Sie sicher geprägt.
Degen: Ich selbst habe es nicht so erfahren, obwohl ich zweimal verheiratet war - und auf der Suche nach dieser Zuneigung. Bei meiner jetzigen Frau lerne ich diese Zugehörigkeit zum ersten Mal als eine Selbstverständlichkeit kennen. Das ist sehr schön.
teleschau: Das war s

chon fast die Antwort auf die Frage, ob Sie ein glücklicher Mensch sind.
Degen: Ja, soweit man glücklich sein kann. Auch wenn ich die Nazis, so gut es ging, abgeschüttelt habe, spielt die Vergangenheit eine schwer wiegende Rolle, die Gegenwart auch, natürlich. Und von der Zukunft weiß man nicht, welches Gesicht sie zeigt, soweit ich noch eine habe. Man lebt doch unter einem anderen Druck und vor einer anderen Kulisse als vor 15 oder 20 Jahren.
teleschau: Was hat sich insbesondere verändert?
Degen: Das Verhalten der Menschen untereinander und die daraus ableitbare geistige Verwahrlosung. Insbesondere das brutale Verhalten junger Leute ist so schrecklich! Ich hätte es mir vor 20 Jahren nicht vorstellen können, dass wir zunehmend so viel Gewalt erleben
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