"Flug in die Nacht" ist deshalb auch ein Film über die Diskrepanz zwischen juristischer und menschlicher Vernunft. "Die Tat des Russen ist ohne Zweifel zu verurteilen", stellt Till Endemann fest. "Aber sie wurde auch deshalb in ihrer Konsequenz erst möglich, weil zwischen Paragrafen die Wahrhaftigkeit und zwischenmenschliche Direktheit ein Stück weit verloren gegangen ist." In dem unfreiwilligen Duell zweier schwer angeschlagener Männer stehen sich der russischstämmige Schauspieler Jevgenij Sitochin ("Die Polizistin, "KDD") und Ken Duken gegenüber. Nach dem Afghanistan-Heimkehrerdrama "Willkommen zu Hause", für das der 30-Jährige mit dem bayerischen Fernsehpreispreis ausgezeichnet wurde, ist "Flug in die Nacht" bereits der zweite herausragende Fernsehfilm des SWR mit Ken Duken in der Hauptrolle.
In beiden Filmen spielt der Grimme-Preisträger traumatisierte Männer, denen ihr Leben entglitten ist. "Trotzdem sind die beiden Filme sehr unterschiedlich", analysiert Duken auf Nachfrage. "Schließlich versucht der am posttraumatischen Stresssyndrom leidende Soldat krankheitsbedingt seine Probleme zu verdrängen, während der Fluglotse alles probiert, um sich zu seiner Schuld bekennen und so bearbeiten zu dürfen." Das tragische Zusammentreffen der beiden Hauptdarsteller entspricht in der Realität auch einem Clash der Kulturen. Der in der Schweiz wegen Totschlags verurteilte Ingenieur aus Nordossetien wurde nach knapp vier Jahren aus der Haft entlassen. In seiner Heimat feierte man ihn als Helden, gab ihm die Stelle eines stellvertretenden Ministers für Architektur und Bauwesen.
Bis heute steht er zu seiner Tat. Während der Dreharbeiten besuchten russische Kamerateams das Set und fragten Ken Duken, wie er "ein solches Monster spielen könne". Im verwirrenden Geflecht aus Zufall, technischen Unzulänglichkeiten, Fehler der Schweizer Flugsicherung, des Fluglotsen und der Bundesrepublik Deutschland, deren Sicherung ihres Luftraumes durch ein Schweizer Unternehmen rechtswidrig war, ist eine dringend erforderliche Entschuldigung auf der Strecke geblieben.
Ein Mangel an Emotionalität, der für einen Russen unverständlich bleibt. "Bei uns spielen die Emotionen eine viel größere Rolle", klärt Schauspieler Jevgenij Sitochin auf. "Als ich anfangs nach Deutschland und Österreich kam, sah ich überall nur denkende Köpfe. Für einen Russen ist das ein merkwürdiges, irritierendes Szenario." Witali Kalojew, der Mörder des Fluglotsen, hinterließ den Filmemachern, die ihn zu einem Gespräch aufsuchten, übrigens eine Botschaft an die Kinder seines Opfers
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