Die stille Katastrophe: Der Fernsehfilm "Flug in die Nacht" arbeitet die Flugzeugkatastrophe von Überlingen auf (Mi., 29.07., 20.15 Uhr, ARD)

Am 1. Juli 2002 stoßen in 11.000 Metern Höhe über der Stadt Überlingen am Bodensee ein Frachtflugzeug der DHL und eine Passagiermaschine der Bashkirian Airlines zusammen. 71 Menschen kommen dabei ums Leben, darunter 45 Kinder aus der russischen Teilrepublik Nordossetien. Diese befanden sich auf dem Weg in einen Spanienurlaub, der sie für gute schulische Leistungen belohnen sollte. Anderthalb Jahre später ersticht ein russischer Bauingenieur, der bei dem Unfall Frau und zwei Kinder verlor, den in der Unglücksnacht Dienst habenden Fluglotsen auf dessen Grundstück bei Zürich. Die deutsch-schweizerische Koproduktion "Flug in die Nacht - Das Unglück von Überlingen" (Mi., 29.07., 20.15 Uhr, ARD) bereitet das doppelte Drama nun als fiktionalen Fernsehfilm auf. Weil es Regisseur Till Endemann und Hauptdarsteller Ken Duken ("Willkommen zu Hause") gelingt, einen Katastrophenfilm zur beklemmend intensiven Elegie über Schuld und Sühne zu machen, ist ein Filmjuwel entstanden, das der komplex-tragischen Realität gerecht wird.

In der Luftfahrt gibt es die Schweizer-Käsescheiben-Theorie. Jedes Loch des Brotbelags stellt dabei eine Sicherheitslücke oder ein Risiko dar. Legt man viele Scheiben Käse übereinander, sagen wir sieben oder acht, schließen sich die Sicherheitslücken auf unterschiedlichen Ebenen. Oder in Käsesprache formuliert - man kann nicht mehr hindurchsehen. "Beim Unglück von Überlingen", so Regisseur Till Endemann, "ist die Suche nach der Schuld wirklich schwer zu klären, weil sich menschliche und technische Fehler zu einem komplexen Gerüst verdichtet haben". Einer der seltenen Fälle eben, bei denen man trotz eines Stapels Schweizer Käsescheiben immer noch hindurchsehen kann.

Dem eigentlichen Flugzeugunglück widmet der 33-jährige Regisseur in seinem beeindruckenden Langfilmdebüt gerade mal die ersten 20 Minuten. Die zweite Katastrophe, der Rachemord des russischen Witwers und Vaters zweier verunglückter Kinder am Fluglotsen, steht dagegen am Ende seiner Geschichte. Was dazwischen liegt, die Aufarbeitung der Schuld, die vergebliche Suche nach Verantwortung, darum geht es Endemann, der mit Don Bolinger ("Das Experiment") auch das Drehbuch schrieb. Als "Andacht oder Elegie auf die Geschehnisse" wollen die Autoren ihren Film, der ziemlich an die Nieren geht, verstanden wissen. Mit besseren Vokabeln kann man die Grundstimmung dieses ruhigen und doch so packenden Fernsehfilms nicht beschreiben.

Schauspielerin Sophie von Kessel, sie spielt die Anwältin der Flugsicherungsfirma, bringt den Grundgedanken des Dramas auf den Punkt: "Der Film zeigt keine guten oder schlechten Menschen. Niemand hat etwas falsch gemacht, und dennoch ist alles schief gelaufen. Das ist die Tragödie." Eine Tragödie, die stark an ein griechisches Drama erinnert. "Flug in die Nacht" zeigt in ruhigen, manchmal fast meditativen Bildern, wie sich warmherzige Familienväter, zwei im Prinzip gute Menschen, umkreisen und schließlich todbringend kollidieren - was durchaus hätte verhindert werden können.

Witali Kalojew, der Mörder des Fluglotsen, der im Film wie alle anderen Figuren aus juristischen und ethischen Gründen einen anderen Namen trägt, wollte eine Antwort auf die Schuldfrage finden. Noch mehr jedoch suchte der Bauingenieur, der in Barcelona vergeblich auf die Ankunft seiner Familie wartete, nach der Entschuldigung eines Verantwortlichen. Diese kam nicht, weil die Flugsicherungsfirma ihren Mitarbeiter, der sich durchaus nach einer Aufarbeitung seiner Teilschuld sehnte, kaltstellte und Bedenken juristischer Art eine menschlich so dringend erforderliche Katharsis verhinderten

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