Das hatte mich anfangs beim Lesen des Buches verwundert. Dann wurde mir klar: Vater und Tochter haben einfach nie gelernt, miteinander zu reden. Und so fällt es ihnen in dieser extremen Situation noch schwerer, sich zu zeigen, einen Kontakt herzustellen. Ich glaube, dass so etwas häufiger vorkommt als die "große erlösende Aussprache" auf dem Sterbebett.

teleschau: Und wie war das nun mit dem Bruder, dem Daheimgebliebenen?

Maja Maranow: Die "Innensicht" muss nicht die bessere sein. Der Bruder mit Ehe- und Alkoholproblemen, der finanziell am Tropf der Eltern hängt, sieht auch nicht klarer. Was ich an dem Film mag: Er ist unsentimental und er urteilt nicht.

teleschau: Ein Fazit des Films lautet: Alle tragen Schuld. Ist das eine Lehre, die wir Erwachsene verkraften müssen? Dass es kein Familienleben ohne Schuld gibt?

Maja Maranow: Ich glaube, dass es so ist. Jeder trägt seinen Teil an der Schuld, aus verschiedenen Gründen, sei es durch Angst, Dominanz, Oberflächlichkeit oder Flucht. Ein anderes Phänomen in Familien ist ja, dass man immer meint, der andere müsse den ersten Schritt machen. Wenn dieser erste Schritt nicht stattfindet, sagt man: 'Okay, ich muss ihn nicht tun, ich kann damit leben.' Genau damit machen sich aber viele Menschen etwas vor, fahren eben nicht gut mit dieser Entscheidung.

teleschau: Warum ist das Miteinanderreden in Familien so schwierig? Viele Menschen können im Job eloquent jedes zwischenmenschliche Problem lösen, versagen aber kläglich im Gespräch mit den Eltern ...

Maja Maranow: Ich komme aus einer Kleinstfamilie, bin nur mit meiner Mutter aufgewachsen. Mit ihr habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Diese Sprachlosigkeit gibt es bei uns nicht - glücklicherweise. Ob man miteinander reden kann, hängt davon ab, ob man bestimmte Entwicklungsprozesse durchschritten hat oder ob die aus irgendwelchen Gründen nicht stattgefunden haben. Manche dieser Prozesse macht man gemeinsam durch, andere muss jeder für sich durchleben. Lernen muss man das Miteinanderreden aber auf jeden Fall.

teleschau: "Zeit zu leben" ist ein Film, bei dem viele Fragen offen bleiben. Einer, in dem auch viele zwischenmenschliche Verhältnisse in der Schwebe bleiben. Macht so eine Rolle der Schauspielerin Maja Maranow besonders viel Spaß?

Maja Maranow: Auf jeden Fall, ich mag diese Offenheit sehr. Viele Filme sind fast schon Hörspiele - alles wird erklärt, alle Möglichkeiten sind abgedeckt und am Ende bleibt keine Frage mehr offen

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