Claudia Michelsen: "Ich weiß noch, wie es war"

(tsch) Ab und an geschieht es im Leben eines Schauspielers, dass er einen Film angeboten bekommt, der anders ist. "Das größte Geschenk des letzten Jahres" sei es gewesen, sagt Claudia Michelsen, die Hauptrolle in "12 heißt: Ich liebe dich" (ARD, Mi., 16.04., 20.15 Uhr) zu übernehmen. Sie spielt unter der Regie von Connie Walther eine Frau, die in der DDR wegen Westkontakten als Landesverräterin von der Stasi festgenommen wird. In den endlosen Verhören entwickelt sich eine heimliche Liebe zu ihrem Vernehmer Jan (Devid Striesow). Dann, über zehn Jahre später, Deutschland ist wiedervereinigt, sehen sich die beiden wieder. Und fragen sich: Was war das damals? Liebe? Und was ist geblieben? Eine wahre Geschichte liegt der Erzählung zugrunde. Claudia Michelsen, im Februar 1969 in Dresden geboren, stand schon in jungen Jahren auf DDR-Bühnen. Später ging sie einige Jahre nach Los Angeles und lebte dort mit dem Regisseur Josef Rusnak. Nach ihrer Scheidung kehrte sie zurück nach Berlin, wo sie seit Jahren mit dem Schweizer Schauspieler Anatole Taubman liiert ist. Im Interview erinnert sie sich an die Zeit vor und während der Wende und wendet sich entschieden dagegen, es rückblickend bei simplen Täter- und Opfer-Klassifizierungen zu belassen.

teleschau: Frau Michelsen, wo waren Sie am 9. November 1989?

Claudia Michelsen: Eine Waschmaschine kaufen. Ich lebte in Potsdam und holte aber gerade an dem Tag eine Maschine aus Dresden ab. Die war lange vorbestellt. Als ich am Abend ankam und noch im Theater vorbeiging, saßen alle in der Kantine. Und meinten zu mir, die Mauer sei auf. "Was für ein blöder Witz ..."

teleschau: Was taten Sie dann?

Claudia Michelsen: Wir fuhren zu fünft in meinem alten Trabbi zur Glienicker Brücke. Was übrigens schon ziemlich mutig war. Doch dort war nicht offen, die schickten uns zum Übergang Dreilinden. Schon aus der Ferne sahen wir den riesigen Stau. Wir reihten uns ein.

teleschau: Und fuhren in den Westen ...

Claudia Michelsen: Ja, in den Goldenen Westen, wo uns ein Westberliner ins Auto 100 Westmark reichte. "Macht euch einen schönen Abend", hat er gesagt.

teleschau: An welche Empfindungen können Sie sich erinnern?

Claudia Michelsen: Ehrlich, eigentlich weiß ich es kaum mehr. Zunächst waren alle in einem Partytaumel. Sicher, es war ein Befreiungsschlag. Bis irgendwann die Ernüchterung wieder einsetzte.

teleschau: Welche Form von Ernüchterung?

Claudia Michelsen: Wir wollten keine Angliederung an die BRD. Wir wollten doch einen eigenständigen neuen Staat gründen. Und diese Träume waren sehr schnell am Ende. Ich war 19 damals, gerade mit dem Studium fertig, arbeitete schon an der Volksbühne ... und plötzlich diese "Revolution". Rückwirkend glaube ich schon, dass ich einer Glücksgeneration angehöre.

teleschau: In welcher Hinsicht?

Claudia Michelsen: Das soziale Miteinander, die Wertvorstellungen. Ich bin anders aufgewachsen - das hat sich alles sehr verändert. Und als ich gerade mal 20 war, durfte ich auf einmal die Welt bereisen, ein guter Zeitpunkt. Ältere Generationen hatten es doch da viel schwerer. Ein ganzes Land mit seinen Menschen hatte keine Gelegenheit, langsam in die "freie Marktwirtschaft" hineinzuwachsen. Ich habe heute noch damit meine Probleme.

teleschau: Inwiefern?

Claudia Michelsen: Jeder muss sehen, wo er bleibt, das kann schon sehr einsam sein.

teleschau: Sie gingen schon mit 16 von daheim weg, um die Schauspielschule zu besuchen.

Claudia Michelsen: Es war damals eine Hochzeit der Theaterwelt in Dresden. Sylvester Groth, Dagmar Manzel und viele andere waren da. Die Säle waren voll mit Jugendlichen. Und natürlich war das Theater sehr politisch. Es gab eine Art Dialog zwischen Publikum und Darstellern

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