Rosa Sprengstoff: Die WDR-Dokumentation "Heilung unerwünscht" schlägt hohe Wellen

Es klingt ein bisschen wie das unerwartete Happy End eines ziemlich gruseligen Märchens. Am Montag, 19. Oktober, zeigte das Erste einen Dokumentarfilm mit dem vielsagenden Titel "Heilung unerwünscht - Wie Pharmakonzerne ein Medikament verhindern". WDR-Filmemacher Klaus Martens hatte schier Unglaubliches recherchiert: Seit rund 15 Jahren wartet eine ebenso einfache wie hochwirksame Creme gegen Schuppenflechte und Neurodermitis auf die Markteinführung. Doch die Industrie blockt, weil sie um ihre eigenen Produkte fürchtet. Die sind, so heißt es, teurer, weniger wirksam und mit starken Nebenwirkungen versehen. Nur zwei Tage nach der Ausstrahlung des Films vermeldete ein Schweizer Pharmaunternehmen, die rosafarbene Creme mit dem Namen "Regividerm" nun doch in Kürze auf den deutschen Markt bringen zu wollen. Ein investigatives Journalistenwunder?

"Zum Teil sind diese Entscheidungen wirklich irrational", hatte sich Klaus Martens im Vorfeld der Ausstrahlung geäußert. "Rund fünf Prozent aller Menschen in den Industrieländern leiden unter derart therapierbaren Hauterkrankungen", rechnete er vor. Rund acht Millionen Menschen seien alleine in Deutschland von den teils heftigen Symptomen von Neurodermitis und Schuppenflechte betroffen. Ein riesiges wirtschaftliches Potenzial lässt sich dem über Jahre verhinderten "Aspirin für die Haut" kaum absprechen.

Entsprechend gewaltig waren die Zuschauerreaktionen auf die Ausstrahlung des Beitrags. Martens sah sich gar zu einem offenen Brief auf der ARD-Senderhomepage bemüßigt. Dort riet er den Hoffnung schöpfenden Betroffenen an, "im Internet unter dem Stichwort 'Regividerm' die weitere Entwicklung der Creme zu beobachten". Nur kurz später kam die überraschende Erfolgsmeldung: Das Schweizer Unternehmen Mavena Health Care verkündete, man werde die Creme unter dem Namen "Regividerm B12 Salbe" in Deutschland vertreiben. Bereits im November soll das Präparat, das im Wesentlichen auf Vitamin B12 und Avocadoöl basiert, erhältlich sein. Kostenpunkt: knapp 30 Euro für 100 Milliliter.

Doch die Zweifel an der Wirksamkeit der Creme bleiben auf Expertenseiten vorerst bestehen. Die Erfahrung musste auch Klaus Martens machen, der in der "hart aber fair"-Sendung vom vergangenen Mittwoch als Gesprächsgast geladen war. In der ARD-Talk-Runde bei Moderator Frank Plasberg ging es eigentlich um Sinn und Unsinn der Schweinegrippeimpfung, ehe Martens seine Sichtweise der Pharma-Unternehmenspolitk darlegte. "Für mich war es immer sehr schleierhaft, dass die ablehnenden Unternehmen nie die Wirkung der Creme infrage stellten, sondern stets mit derselben Aussage argumentierten: Es passe nicht ins Angebot und störe die Marktentwicklung der eigenen Produkte."

Talkgast Siegfried Throm, Geschäftsführer des Verbands forschender Pharmaunternehmen, unterstellte daraufhin, der Dokumentarfilm sei Teil einer schmutzigen Marketingkampagne. Und auch Professor Beda Stadler, Immunologe von der Uni Bern, ging Moderator und Filmemacher vor laufender Kamera heftig an, nachdem ein bewegender Filmausschnitt über ein betroffenes Kleinkind gezeigt wurde: "Das Kamerateam hätte dem Kind die blöde Salbe anstreichen sollen, dann wäre es ja anscheinend wieder gesund. Wenn man hier so tut, als könnte blödes Avocadoöl mit etwas Vitaminen drin eine schwere Krankheit verschwinden lassen, ist das Betrug!"

Eine Wundersalbe, das machten Plasberg und Martens anschließend gemeinschaftlich deutlich, sei Regividerm sicher nicht, doch klinische Studien über den lindernden Effekt lägen unzweifelhaft vor

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