Giovanni di Lorenzo: Der Menschenöffner
"Obszön, pervers, niveaulos": Fast war es ein bisschen rührend, wie sich eine Bremer Bürgerschaftsabgeordnete der CDU um den angeblichen Werteverfall bei der dienstältesten Talkshow im deutschen Fernsehen sorgte. Genützt hat es ihr wenig. Charlotte Roche, berüchtigte "Skandalautorin" des Bestsellers "Feuchtgebiete", ging am 11.09. erstmals als Mitgastgeberin des nunmehr 35 Jahre alten Radio-Bremen-Klassikers "3nach9" auf Sendung. Am erfahreneren Part des Moderatorenduos prallen solche Debatten indes gänzlich ab, er kennt das schon: Giovanni di Lorenzo, hauptberuflich Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit", präsentiert seit 1989 monatlich "3nach9". Bevor er und Charlotte Roche unter anderem Popstar Sting, Schauspieler Jan Josef Liefers und Autor Frank Schätzing live zur Jubiläumssendung (Fr., 06.11., 22.00 Uhr, RB / NDR) begrüßen, blickt der 50-jährige Wahlhamburger zum feierlichen Anlass noch mal in die Historie und in die Zukunft.
teleschau: Herr di Lorenzo, geben Sie eigentlich gerne Interviews?
Giovanni di Lorenzo: Ja, Interviews gebe ich ganz gerne. Was ich furchtbar finde, ist, fotografiert zu werden.
telescha

u: Sie sind doch ganz fotogen.
di Lorenzo: Wenn ich mit meiner Freundin (der Fernsehmoderatorin Sabrina Staubitz, d. Red.) auf Terminen erscheine - was selten genug passiert - komme ich mir immer vor wie der peinliche Begleiter, der nicht weiß, wie er seine Gliedmaßen ordnen soll. Das finde ich viel schlimmer, als Interviews zu geben.
teleschau: Können Sie sich denn ganz unbefangen auf eine Interview-Situation einlassen? Oder ist zu befürchten, dass Sie das Gespräch heimlich sezieren werden?
di Lorenzo: Total unbefangen. Seien Sie unbesorgt!
teleschau: Was wäre der blödeste Fehler, der einem Journalisten dann unterlaufen könnte?
di Lorenzo: Ich bin beispielsweise kein großer Freund einer Spezialität, die lange auch bei Radio Bremen serviert wurde, nämlich der

sogenannten "Eisbrecherfrage". Eine Frage, die so unhöflich und barsch ist, dass man keine Lust mehr hat, überhaupt etwas zu sagen.
teleschau: Dann ganz höflich und allgemein: Was macht ein gutes Interview aus?
di Lorenzo: Ein gutes Interview ist eines, in dem der Interviewpartner etwas verrät, das er eigentlich nicht sagen wollte. Wenn er sich ermuntert oder provoziert fühlt, Dinge auszusprechen, die man so noch nicht gelesen hat und die sich spannend lesen beziehungsweise anhören. Das ist das ganze Geheimnis.
teleschau: Und wie kommt man dahin?
di Lorenzo: Es ist es unsinnig, nur eine Strategie anzuwenden. Man muss sich überlegen: Mit welchen Mitteln kriege ich welchen Gesprächspartner zum Reden? Da gibt es übrigens einen grundlegenden Unterschied zwischen Print

medien und Fernsehen. Die Printkollegen glauben, das Entscheidende ist, wie klug, kritisch und pointiert der Journalist fragt. Entscheidend ist aber allein, was der Interviewpartner sagt.
teleschau: Journalistische Eitelkeit ist also hinderlich?
di Lorenzo: Absolut. Ich höre oft die Frage: "Warum bist Du nicht härter rangegangen?" Antwort: "Weil der Interviewpartner dann dicht gemacht hätte." Davon hat im Fernsehen niemand etwas. Mir ist das Prinzip klar geworden, als ich sah, wie ein Journalist von seinem Gesprächspartner im Fernsehen brüsk angefahren wurde. Das war ein interessanter Moment, weil der Interviewte in dieser Reaktion etwas von sich preisgab. Er schimpfte: "Was für eine dumme Frage!" Darauf sagte der Journalist: "Die Frage mag blöd gewesen sein, aber die Antwort ist umso erfreulicher
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