Die Verletzlichkeit der Mutter: Tori Amos sucht die Frau hinter der Mutter
Tori Amos ist sehr dünn, sie lässt sich eine Jacke reichen bei sommerlichen Temperaturen. Ihre Haut ist glatt, glatter als vor zehn Jahren, der Lipgloss leuchtet. Optisch zogen die Jahre an ihr vorbei. Doch das zehnte Studioalbum, "Abnormally Attracted To Sin", führte Tori Amos zurück in die Obhut ihres ehemaligen Mentors Doug Morris, einem nicht unwichtigen Mann bei Universal Music, der sie Anfang der Neunziger an die Hand nahm. Diesen Zufall beleuchtet die 45-jährige Musikerin auf ihrem neuesten Werk ebenso wie das Selbstverständnis der Frau, wenn sie zur Mutter wird. Eine Aufgabe, der Amos selbst seit mehr als acht Jahren nachkommt. Und die die Sängerin, wie schon in der Vergangenheit, in ihren Songs aufarbeitet, genauso wie Depressionen, konservative Verhältnisse, Terroranschläge oder Fehlgeburten.
teleschau: Wenn so ein Zufall passiert wie mit Doug Morris, ein Mann auftaucht, den man 14 Jahre lang nicht gesprochen hat, macht Ihnen das bewusst, wie die Zeit vergeht?
Tori Amos: Ja. Ihn wie

derzusehen ist einerseits ein Gespräch zu Ende zu führen, das mal angefangen wurde. Andererseits haben die 14 Jahre uns verändert. Wir sind, da es lange her ist, nicht in alte Muster zurückgefallen, das war wichtig für unsere erneute Beziehung, obwohl er noch mein Mentor ist. Er hat in der Zwischenzeit viele Berge bestiegen, wie ich auch. Dadurch haben wir eine andere Aussicht, mehr Überblick als damals.
teleschau: Ihr Verhältnis und das Geschäftsleben in der Musikindustrie generell ist nicht immer von Harmonie geprägt. Mittlerweile sagen Sie: Das, was passiert, ist nicht steuerbar, aber meine Reaktionen sind es.
Amos: Das hängt vom jeweiligen Tag ab, davon, wie offen meine Chakras sind, ob ich mir meines Potenzials bewusst bin - es geht immer darum, die Optionen

wahrzunehmen, statt sich gefangen zu fühlen in einer komplizierten Welt. Um nicht davon paralysiert und verwirrt zu sein, muss ich sehr stark an mir arbeiten.
teleschau: Wie tun Sie das?
Amos: Manche Menschen laufen, ich mache andere Dinge, habe meinen Weg, etwas alleine zu tun, alleine zu sitzen. Es ist ähnlich der Meditation.
teleschau: Klappt das immer oder muss man manchmal einsehen, dass man besser schlafen geht und am nächsten Tag weiterführt, was nicht zu Ende zu bringen war?
Amos: Genau dies beinhaltet meine Methode. Den Kopf nicht ewig gegen die Wand zu schlagen, sondern sich selbst zu sagen: Ich habe alles getan, was mir heute möglich war, jetzt lehne ich mich zurück und schalte um oder ab. Wenn du keine Lösung findest, musst du einen Schrit

t zurücktreten, um deine Neutralität wiederzuerlangen, alles aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.
teleschau: Beinhaltet ein anderer Blickwinkel auch eine neue Perspektive auf sich selbst, also zum Beispiel weg von der Mutter hin zur Frau, die man auch ist?
Amos: (lange Pause) Eine Mutter ist verletzlich, weil sie die ernährende, in der Verantwortung stehende Krankenschwester ist, der Mensch, der alle Antworten hat, die unerschöpfliche Quelle. Manchmal kann all dein Geben kein Problem lösen. Das gibt dir ein hilfloses Gefühl von Schwäche, dennoch hast du nicht die Zutaten, dem anderen Menschen jetzt zu helfen. Genau sie fehlen in deinem Notfallkoffer - ob sie nun intellektueller oder emotionaler Natur sind
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