Henning Scherf: Politiker nerven muss auch mal sein!
Henning Scherf ist weit über seinen kleinen Stadtstaat Bremen hinaus populär. Als Bürgermeister und Regierungschef wurde der Sozialdemokrat als besonders bürgernah bekannt, nach seinem Ruhestand zum Beispiel als Deutschlands berühmtester Mitbewohner im Mehr-Generationen-Haus, als Buchautor, der grau für bunt erklärt, und als Präsident des deutschen Chorverbandes. Nun sitzt der einstige Berufspolitiker, 1939 geboren, vergnügt in der Jury der neuen ZDF-Show "Ich kann Kanzler!", einem politischen Talentwettbewerb. Mitte Mai wählte er zusammen mit Anke Engelke und Günther Jauch aus 40 vorab vom ZDF ausgesuchten Kandidaten sechs Finalisten für die Endrunde (Zusammenfassung des Vorentscheids: Do., 18.06., 21.00 Uhr; Live-Finale: Fr., 19.06., 21.15 Uhr).
teleschau: Herr Scherf, ist die Jugend in Deutschland wirklich so politikverdrossen?
Henning Scherf: Ich habe mich immer geärgert, wenn Leute über die Politikverdrossenheit räsonierten. Ich erl

ebte in all den Jahren sehr viele, sehr kritische junge Leute, die zwar vielleicht kein Interesse für Parteien oder große Organisationen hatten, die aber zum Beispiel bei Initiativen mitmachten: ein Projekt vor Ort, eines in der Dritten Welt, eine Kulturinitiative ... Die haben ein anderes Verständnis von öffentlichem Handeln. Der Nachwuchs will nah ran an die Konflikte, an die Aufgaben. Die wollen die Leute kennen, für die wir was tun. Das ist hochpolitisch. Manches ist nicht so öffentlich, aber trotzdem wichtig und wirksam.
teleschau: Es hat also eine Verschiebung stattgefunden?
Scherf: Die Kirchen, Parteien, Verbände und Gewerkschaften klagen und haben Mühe, ihr junges Volk zu organisieren. Das ist nur noch ein Bruchteil von dem, was zu meiner Zeit, als ich jung war, mitmachte. Ab

er das ist auch nur ein Teil dessen, was ich als Politik erlebe. Da hat sich eine Veränderung abgespielt, aber das hat nichts damit zu tun, dass die Leute nicht politisch interessiert wären. Im Gegenteil. Manche sind unbequem und gehen den prominenten und professionellen Politikern sehr auf die Nerven. Das muss auch mal sein! Ich ging als junger Mensch auch etablierten Politikern auf die Nerven.
teleschau: Zum Beispiel?
Scherf: Ich bin in eine Familie hineingeboren worden, die zur Nazi-Zeit in der Bekennenden Kirche war und gegen die Nazis kämpfte. So wurde ich als kleiner Junge schon politisiert. Als der Krieg vorbei war, suchten meine Brüder und ich einen Platz, wo wir uns mit anderen verbünden konnten. Wir rieben uns sehr an den Offiziellen. Wir rieben uns an Adenauer, an Ollenhauer

... Wir fanden die offiziellen Strategen, die in Bonn die Bühne dominierten, alle anstrengend und taten uns vor Ort zusammen mit Leuten, die auf einer Gewerkschaftsdemo waren, oder die gegen die Wiederaufrüstung demonstrierten.
teleschau: Warum orientieren sich junge Leute heute Ihrer Meinung nach eher weg von den Parteien?
Scherf: Ich erkläre mir das so: Die Parteien sind ja fast alle Regierungsparteien - im Bund, im Land oder vor Ort. Wenn man verantwortlich ist für Regierung und tägliches Handeln, muss man Rücksicht nehmen auf hunderte von Sachzwängen. Ich habe aber den Eindruck, junge Leute wollen endlich auf der richtigen Seite sein, es einfach, klar und deutlich haben
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