Return Of A Ladies' Man: Leonard Cohen erscheint als Vinyl-Replica
(tsch) Der verhasste digitale Tonträger sei klinisch tot, jubilierte kürzlich Elvis Costello. Dass überhaupt noch CDs verkauft werden, sei damit vergleichbar, dass bei Leichnamen noch eine Zeit lang die Fingernägel wachsen. Registriert man die jüngsten Schreckensmeldungen einbrechender CD-Umsätze und zugleich die fabelhaften Absatzzuwächse auf dem Vinylmarkt, wirkt der neueste Wiederveröffentlichungsclou der darbenden Branche dann auch einigermaßen rührig. Im Vinyl-Replica-Format, das heißt: als verkleinerte Nachbildungen der Schallplatten-Ausgaben im Papersleeve samt Innenhülle wurde vor wenigen Wochen etwa der komplette Springsteen zugänglich gemacht. Nun ist mit Leonard Cohen der nächste Songwriter-Gigant an der Reihe. Der 1934 in der Nähe von Montreal geborene Folk-Sänger, der derzeit mit Live-Auftritten die immer noch große Fangemeinde beglückt, ist damit auch ohne runde Jubiläen und ohne ein aktuelles Album zurück im Scheinwerferlicht.
"The Collection" schimpft sich die zweifellos hübsch anzuschauende Box im ultimativen Tonfall. Ein Blick auf die getroffene Auswahl lässt einen allerdings einigermaßen ratlos zurück. Kompiliert wurden

weder die definitiv besten Cohen-Alben, noch zeigt sich irgendeine Form innerer Kohärenz. "Songs Of Leonard Cohen" (1968), "Various Positions" (1985), "I'm Your Man" (1988), "The Future" (1992) und "Ten New Songs" (2001) verteilen sich auf die fünf CDs des Box-Sets - und jeweils für sich genommen sind sie das Wiederhören naturgemäß fast alle wert.
Das Debüt "Songs Of Leonard Cohen", so hat es der Sänger später erklärt, resultierte alleine aus der Verlegenheit, dass sich mit seinen Gedichtbänden einfach kein Geld machen ließ. Das Album etablierte den bereits 34-jährigen sonoren Lebemann jedoch gleich als poetisch beflissenen Songwriter erster Güte. "Suzanne", "Sisters Of Mercy" und "So Long, Marianne" sind die romantizistischen Klassiker des Debüts, das von John

Simon süffig produziert wurde und der Auftakt einer losen Albumtrilogie war. Verglichen mit den folgenden Großtaten "Songs From A Room" (1969) und der zerklüfteten Jahrhundertplatte "Songs Of Love And Hate" (1971) ist die Meisterschaft des kanadischen Weisen hier jedoch noch nicht vollends entwickelt.
Der Sprung zum großen, aber kommerziell desaströsen 1985-er Album "Various Positions" ist dann schon gewaltig. "I greet you from the other side / Of sorrow and despair", gibt Cohen in "Heart With No Companion" die Stoßrichtung der Platte vor, über die ein zeitgenössischer Kritiker urteilte, man möge ihr doch gleich eine Rasierklinge beilegen, um es Suizidkandidaten einfacher zu machen. Mit "The Night Comes On" und dem Psalmengesang "If It Be Your Will" enthält "Va

rious Positions" zwei der besten Cohen-Stücke überhaupt. "Hallelujah" wird später von John Cale und Jeff Buckley prominent gecovert.
"I'm Your Man" vermittelte sich dank zeitgemäßer Produktionsweise, die auch vor Synthesizern nicht Halt machte, dem großen Publikum wieder zugänglicher. Cohen gibt in "Ain't No Cure For Love" nochmal den melancholischen Liebesbarden. "Everybody Knows" nimmt dagegen schon die Endzeitvisionen des Nachfolgers vorweg, das zynische "First We Take Manhattan" wird gar ein kleiner MTV-Hit. Das lose am Zusammenbruch des Kommunismus angelehnte "The Future" ist 1992 Cohens bislang letzte Großtat. In apokalyptischen Poemen reiht der Literat Stalin an St. Paul, Christus an Hiroshima, besingt die Berliner Mauer und räsoniert über Crack und Analsex
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