Datenbank einer Spürnase: Gerhard Gehle und sein "Polizeiruf 110-Lexikon" im Internet

(tsch) Das vermutlich einzig wahre "Polizeiruf 110-Lexikon" hat ein Gesicht und einen Namen: Gerhard Gehle. Dieser Mann scheint alles über die Krimi-Reihe zu wissen, die 1971 erstmals im DDR-Fernsehen lief und nach der Wende von der ARD übernommen wurde. Gehles Wissen zeichnet sich vor allem durch Detailfreude aus: Wie hießen die Statisten? Wo wurde welche Einstellung gedreht? Welcher Musiktitel war in welcher Szene zu hören? Seine Webseite "www.polizeiruf110.de", die er als Hobby betreibt, ist mehr als eine Fanpage: Gerhard Gehle sieht sie als wissenschaftliches Projekt an und sich selbst als Filmhistoriker.

Gehles Leidenschaft scheint fast noch mehr dem Forschen und Dokumentieren an sich zu gelten als der Reihe. Ihm geht es nicht um Lieblingskommissare, er veröffentlicht keine Darsteller-Interviews. Hier dreht es sich um Fakten. Die sammelt und sortiert der Frührentner auf seiner nicht kommerziellen Webseite mit Hilfe von sechs weiteren Spürnasen im Bundesgebiet: "Wenn einer mitmachen will, sage ich ihm immer vorher: Du musst mindestens so verrückt sein wie ich!" Gerhard Gehle, der 30 Jahre lang als technischer Redakteur bei verschiedenen Zeitungen tätig war (auch hier zeigt sich der Tüftler), widmet sich seinem Projekt täglich. "Aber meine Frau sagt immer: Es gibt schlimmere Hobbys", lacht er. "So bist du wenigstens meistens zu Hause."

Wider Erwarten ist Gerhard Gehle kein ehemaliger DDR-Bürger, der den "Polizeiruf 110", einst das ostdeutsche Konkurrenz-Produkt zum "Tatort", seit dem ersten Film leidenschaftlich verfolgt. "Ich bin purer Wessi", sagt der Vredener. Doch als Anfang der 90er-Jahre die ersten Wiederholungen der alten Episoden im deutschen Fernsehen liefen, war ihm schnell klar: "Da sind 20 Jahre deutsche Geschichte dokumentiert. Damit muss man etwas machen." Zunächst entstand eine private kleine Datenbank. "Als Internet für mich auch nutzbar wurde und ich mich mal umsehen wollte, welche Informationen andere hatten, stellte ich fest: Ich hatte mehr." So machte der heute 66-Jährige seine Daten 2003 im Internet öffentlich.

Bei den Rundfunkanstalten stieß der engagierte Amateur-Archivar mit seinem Projekt auf geteilte Begeisterung. Nicht überall war man erfreut über die Gratis-Werbung und darüber, dass sich ein Privatmann nun des historischen Schatzes annahm. Allerdings muss man Gehle zugute halten: Mit Umfang und Akribie seiner Webseite kann die offizielle "Polizeiruf 110"-Seite des Ersten - wenn sie auch viel schicker aussieht - bislang nicht mithalten ... "Aus den Redaktionen namhafter TV-Zeitschriftenverlage weiß ich, dass man dort regelmäßig auf mein Projekt zugreift, weil man hier gezielt auch die kompletten Besetzungslisten sowie weitere Informationen finden kann." Insgesamt zählt Gehle monatlich etwa 200.000 Zugriffe.

Es ähnelt ein wenig dem "Tatort-Fundus" (www.tatort-fundus.de), dem umfangreichen Fan-Projekt von François Werner. Tatsächlich kennen sich die beiden Krimi-Verrückten, tauschen auch mal Informationen aus. Allerdings scheint Werner mehr Glück bei der Kooperation mit den Rundfunkanstalten zu haben. Langwieriges Gerangel um Material und Informationen dokumentiert Gerhard Gehle ebenfalls auf seiner Webseite

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