teleschau: Weder Bluegrass, Blues noch Country-Music sind in Deutschland erfolgreich. Der kommerzielle Erfolg scheint Ihnen egal zu sein. Ist "Williamsburg" ein privates Spaßprojekt?
Westernhag

en: Kommerz war mir immer egal und wird mir auch immer egal sein. Wenn du den Anspruch hast, etwas substanziell Künstlerisches zu machen, dann musst du dir eine gewisse Naivität bewahren. Die Tür zum Kinderzimmer muss immer einen Spalt offen bleiben. Du darfst nicht mit Kalkül arbeiten, denn in dem Augenblick ist alles fremdbestimmt. Wenn du dir schon beim Machen vorstellst, wem du das verkaufen kannst, ist das der falsche Weg.
teleschau: Aber auch Kunst ist ein Geschäft ...
Westernhagen: Es ist schizophren, weil Kunst, ob Malerei oder Musik, vermarktet wird. Doch der Prozess des Schaffens muss jungfräulich sein. Wenn du ein Album fertig hast, musst du damit leben, wenn die Leute es ablehnen. Einen Satz, den ich überhaupt nicht vertragen kann, ist: Das geht nicht, das haben wir noch ni

emals so gemacht. Und diesen Satz hörst in dieser Branche ununterbrochen. Obwohl es hier um Kreativität geht.
teleschau: Und um Innovation, oder?
Westernhagen: Absolut. Darunter leidet die Industrie. Musik heute ist oft seelenlos. Sie ist ausgedacht, ist nicht empfunden. Für mich ist Musik eine Kunstform, die am ehesten zur Seele spricht. Und du kannst über Emotion eine intellektuelle Botschaft transportieren. Musik kann keine gesellschaftlichen Veränderungen hervorrufen, aber sie kann Soundtrack sein, kann helfen.
teleschau: Sie haben zu "Williamsburg" mit amerikanischen Gitarrenlegenden wie Peter Strout und Larry Campbell gespielt, die bereits mit Emmylou Harris, Sheryl Crow und Peter Green gearbeitet haben. Worin liegt der Unterschied zu deutschen Musikern?
Westernhagen:

Die Qualität der Musik, obwohl die so aus der Hüfte gespielt ist. Das macht im Endeffekt den Klang aus, dass es so unangestrengt klingt. Es hat auch unheimlich Druck, aber es klingt nicht gewollt. Und sie geben nie an mit ihrem Spiel. Da hat es keiner nötig zu zeigen, was er alles drauf hat. Meine Bedenken waren umsonst. Alles war ganz natürlich.
teleschau: Ein Stück trägt den plakativen Titel "Wir haben die Schnauze voll". An wen ist das adressiert?
Westernhagen: Wir haben im Augenblick keine Parteien oder Politiker, bei denen du auch nur im Ansatz eine Vision erkennen kannst. Ich wusste bei der aktuellen Bundestagswahl nicht, was ich wählen sollte. Du kannst eigentlich nur noch eine Gewichtung stützen
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