Nix für Weicheier und Pussys: Rammstein veröffentlichen "Liebe ist für alle da"

Andere Bands veröffentlichen Alben. Rammstein erschüttern die Republik. Andere Bands geben Konzerte. Rammstein präsentieren sich als Gesamtkunstwerk. Andere Bands sind Legenden, Preisträger, Kult. Rammstein sind die "erfolgreichste deutsche Band der Gegenwart". Sie sind für alle da.

"Liebe ist für alle da", so gefährlich harmlos ist ihr sechstes Studioalbum betitelt. "Pussy", die erste Single, ist anfänglich nicht für alle da. Denn Rammstein deponieren ihr Video auf einem Erotik-Portal. Und klar: Der zu erwartende Porno-Aufschrei der Medien folgt sofort. Plumpe PR-Masche oder gekonnte Provokation? Es ist die alte Rammstein-Frage. Aber der Erfolg gibt ihnen recht: Alleine in der ersten Woche wird das Video von 6,5 Millionen Menschen gesehen, "Pussy" landet auf Platz Eins der Singlecharts - und die Videokanäle MTV und Viva schauen dabei in die Röhre.

Martialische Klangwelten, Schwarz-Weiß-Ästhetik und Feuerorgien. Rammstein sind für alle da und alle reden mit. Richard-Wagner-Erbin Katharina erklärte ihren Respekt vor den Herren, ein Crossoverprojekt mit der E-Musik stieß auf Interesse. Die "Bild"-Zeitung kramt zu "Pussy" ihr Stammvokabular heraus und schreit "versaut, ungeschönt, Hardcore!".

Kunst oder Gefahr? Alle Welt sucht immer noch nach Erklärungen für das Phänomen Rammstein, das die mediale Perversion mit harten Akkorden weich klopft, um sie der Menge anschließend in Form einer gigantischen Show im tanzbaren Metal-Kleid zum Fraß vorzuwerfen. Auch wenn es eine weniger aneckende Seite von Rammstein gibt, so sind es doch Aussagen wie "Wir wollen provozieren, wir wollen Ärger, und wir haben Spaß daran", die das Bild der Band prägen. So lapidar das klingen mag, so vielschichtig ist das Konstrukt Rammstein aufgebaut. Wer es auf einfache Formeln zu reduzieren versucht, droht zu scheitern.

Aber nicht nur hierzulande ist die Gruppe um Sänger und Ex-DDR-Auswahlschwimmer Till Lindemann in aller Munde. Regisseur David Lynch wählte einst zwei Songs für den Soundtrack zu "Lost Highway" aus. Es folgte 1997 das Album "Sehnsucht", der internationale Siegeszug begann. In den USA, so berichtet Gitarrist Richard Kruspe, sind Rammstein "Kult, übrigens vor allem bei jungen Kids". Kein Wunder, verkörpern sie doch ein Deutschlandbild, das zur Klischeebestätigung taugt, sicher aber auch gerade im Ausland als Witz verstanden wird. Aber wie auch immer die Band interpretiert wird: Teutonisch und skandalös, mit rollendem "R" und einem bombastisch-harten Geschehen auf der Bühne mauserten sich Rammstein zu Kulturbotschaftern ihrer Heimat.

Die hässlichen Gesichter der Nachrichtensendungen werden in ihren Händen zu Masken, die in der Hitze zu schmelzen drohen. Geschmacklosigkeit und Witz, intelligente Eigenwilligkeit und obskurer Darstellungsdrang sind bei Rammstein nicht weit voneinander entfernt

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