Der zähe Texaner: Willie Nelson wird 75 Jahre alt
(tsch) Er war "Shotgun Willie" und der "Red Headed Stranger", Nashville-Dissident und Wegweiser der "Outlaw"-Bewegung, ein Redneck-Idol mit Indianerzöpfen und eigensinniger Wandler jenseits der Genregrenzen. Willie Nelson war immer schwierig zu fassen, und doch zählt er unbestritten zu den großen ikonischen Figuren der amerikanischen Rock-Historie. Zu seinem 75. Geburtstag am 30. April widmet ihm Columbia mit "One Hell Of A Ride" ein verschwenderisch bebildertes und kommentiertes, vier CDs und genau 100 Songs umfassendes Box-Set. Bei weitem nicht die erste Werkschau Nelsons,jedoch die erste, die sich seines gesamten Schaffens von 1954 bis 2008 annimmt und sämtliche Phasen dieser spannenden und facettenreichen Karriere dokumentiert.
"When I've Sang My Last Hillbilly Song", heißt die erste dokumentierte Aufnahme Willie Nelsons, entstanden irgendwann im Jahreswechsel 1954 / 55, mit der die Compilation beginnt. Nelson, der bei den G

roßeltern in einfachen Verhältnissen in Abbott, Texas, aufwuchs, hatte zuvor eine Stelle als Country-DJ beim örtlichen Radio angenommen und war so ins Plattengeschäft gerutscht. Die frühen, raren Aufnahmen, wie sie auf "One Hell Of A Ride" zu hören sind, strahlen allesamt eine schlichte Schönheit und Größe aus, die den wachsenden Ekel Nelsons vor der kommerziellen Verbiegung des 60er-Jahre-Country mehr als begreiflich macht. So berückend diese Zeitdokumente heute klingen, Erfolg hatten mit Willie-Nelson-Songs zu dieser Zeit andere: Faron Young etwa, der mit "Hello Walls" neun Wochen lang auf Platz eins der Charts stand, oder Patsy Cline, die mit der Torch-Nummer "Crazy" die Top Ten knackte.
Da sich zum Ende der 60er-Jahre der ohnehin spärliche Erfolg weiter verflüchtigte, kehrte Ne

lson dem künstlerisch siechen Country-Mekka Nashville den Rücken und verließ das Label RCA, dessen seichtem Produktionsdiktat sich der Dickschädel nicht mehr beugen wollte. Nelson unterschrieb bei Atlantic und fand in Austin, Texas, vor allem künstlerisch eine neue Heimat. "Shotgun Willie" war 1973 das Album, das Nelsons populärste Phase einläutete und dem so bezeichneten "Outlaw-Movement" zuzurechnen ist - einer Bewegung, die an die vorkommerziellen Anfänge des Country im Honky Tonk anknüpfte.
Ihren ebenso überraschenden wie überwältigenden Höhepunkt fand jene Periode mit Nelsons gleichzeitig bester Arbeit "Red Headed Stranger" (1975), einem minimalistischen Konzeptalbum über einen Prediger, nur mit Gitarre und Piano provozierend karg instrumentiert. Einzig der Nummer-eins-Hit "Blu

e Eyes Crying In The Rain" hat auf dem Box-Set Platz gefunden. Doch auch das sonore "The Toublemaker" (1973) oder der klassische Honky Tonk "Bloody Mary Morning" von der 1974er-LP "Phases And Stages" dokumentieren den künstlerischen Zenit Nelsons, der jetzt auch äußerlich kaum wiederzuerkennen war. Aus dem ehemals brav gescheitelten Sänger im knitterfreien Sonntagsanzug war jener bärtige Outlaw mit Zöpfen, Stirnband oder wahlweise Cowboyhut hervorgegangen, wie er heute ikonisch geworden ist.
In den 80-ern war die puristische Outlaw-Phase längst abgeschlossen. Nelsons immer schon jazzaffiner Stil öffnete sich nun vollends einem Genre-Crossover zwischen Country, Swing, Rock'n'Roll, Folk und ganz klassischer Popmusik
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