"Verspielte Kindheit - Im Sog virtueller Welten" - Ein Klick von der tristen Realität entfernt

(tsch) "Verspielte Kindheit - Im Sog virtueller Welten" heißt ein aktueller Themenabend beim deutsch-französischen Kulturkanal. Und obwohl der Titel moralinsaure Berichterstattung erahnen lässt, sind die beiden gezeigten Dokus "Spielzone" (21.00 Uhr) und "Stark fürs Leben" (22.10 Uhr) erstaunlich unbefangen. Die Autorinnen Heide Breitel und Lilly Grote versuchen, der Faszination, die mediale Welten auf junge Menschen ausüben, auf den Grund zu gehen - und schlagen dabei komplett unterschiedliche Richtungen ein.

Bei "Spielzone" ist der Ausgangspunkt ein Jugendlicher, der wie gebannt vor PC und Konsole sitzt. Vor ihm: eine Welt voller Gefahren und Herausforderungen, die stets nur einen Klick von der meist tristen Realität entfernt liegt. Hier kann man Held sein, Probleme vergessen, Anerkennung finden. Tagelang, wochenlang. Irgendwann fällt das Wort "Sucht" bei Heide Breitel. Aber nicht plakativ, sondern wissenschaftlich belegt. Forscher der Charité Berlin haben anhand von hirnphysiologischen Untersuchungen bewiesen, dass exzessives Computerspielen in die Abhängigkeit führen kann. Eine Untersuchung der Humboldt Universität spricht von 600.000 bis 700.000 betroffenen Jugendlichen und jungen Männern im Land. Tendenz stetig steigend.

Kein rein deutsches Problem im Übrigen, wie die Userzahlen des derzeit populärsten Online-Rollenspiels belegen: Laut Hersteller Blizzard tummeln sich derzeit weltweit über zehn Millionen Spieler regelmäßig in der Fantasy-Welt "World of Warcraft". Und wer's einmal gespielt hat, weiß um dessen Suchtpotenzial ...

Warum sich manche Jugendliche völlig in den virtuellen Welten verlieren und andere problemlos nach einer Stunde wieder abschalten können, versucht die Filmemacherin gemeinsam mit Kindern, Eltern, Therapeuten und Experten zu klären. Aber auch, welche Konsequenzen die mediale Dauerberieselung der Kinder auf ihre geistige, psychische und soziale Entwicklung hat.

Bei "Stark fürs Leben" steht eine einfache Frage im Mittelpunkt: Warum werden überhaupt virtuelle Traumwelten für immer mehr Jugendliche attraktiver als die Realität? Auf der Suche nach einer Antwort begab sich Lilly Grote auf eine Reise in die Welt von Kindern aus Berlin und Lissabon - und musste dabei feststellen: Es gibt keine einfache Erklärung, aber genügend Möglichkeiten, Kinder "stark fürs Leben" zu machen, damit sie den Verlockungen der digitalen Träume widerstehen können.
Ausstrahlung am 03.06.2008 um 21:00 Uhr auf ARTE Autor: Gerd Hilber/teleschau - der mediendienst
Bilder: ZDF / Heide Breitel

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