"Ich glaube nicht, dass ich schwierig bin": Michael Stipe will nicht alles sagen
(tsch) Die Gutmenschen aus Athens, Georgia, haben in den 30 Jahren ihres Bestehens alles erlebt: Triumphale Tourneen, aber auch furchtbare Flops. Wie ihr letztes Studioalbum "Around The Sun" - das wurde als "Zeitlupen-Folk alter Männer" zerrissen. Nun scheint es, als habe sich das Trio in den vergangenen drei Jahren nicht nur einer Gruppentherapie, sondern auch gleich noch einer Verjüngungskur unterzogen. Nicht umsonst heißt ihr neues Album "Accelerate", zu Deutsch "Beschleunigen". Mit ihrem 14. Studiowerk - nur 34 Minuten kurz - zeigt sich R.E.M. so frisch, laut, direkt und elektrisch wie lange nicht mehr. Inklusive eines angriffslustigen Michael Stipe.
teleschau: R.E.M. rocken wieder. Wollten Sie die Fans musikalisch wachrütteln, damit die Ihren Inhalten zuhören?
Michael Stipe: Man mag das Album als Weckruf interpretieren, und doch schreiben

wir in erster Linie für uns selbst. Diesmal mussten wir uns erst einmal vor uns selbst beweisen.
teleschau: Weil Ihr letztes Album ein bemerkenswerter Misserfolg war?
Stipe: Ja. Und weil vor uns selbst zeigen mussten, dass wir es noch können. Wir sind eine großartige Live-Band. Und wir haben das Potenzial, eine ebenso gute Studio-Band zu sein. Nur haben wir das mit der letzten Platte nicht erreicht.
teleschau: Sie singen in "Until The Day Is Done" die Zeile: "Das Urteil ist vernichtend - das Land liegt in Trümmern." Klingt bitter.
Stipe: Aber es stimmt leider. Amerika ist ein Land mit einer großen Geschichte, mit großen Idealen und Werten, ein Land, das heute von einigen wenigen in den Ruin getrieben wird. In erster Linie geht es mir darum, den Leuten da draußen mit

zuteilen: Wenn ihr die gleichen Gefühle habt wie wir - ihr seid nicht allein.
teleschau: In Ihrer Heimat steht der politische Führungswechsel bevor. Sie haben sich 2004 auf der "Vote For Change"-Tour für den Kandidaten John Kerry eingesetzt. Diesmal sind Sie auffallend zurückhaltend.
Stipe: Ja, ich habe die damalige Kampagne unterstützt, weil ich es notwendig fand. Aber am Ende waren wir geschlagen. Ich habe diesmal einfach keine Lust auf eine neuerliche Niederlage. Deswegen halte ich lieber meine Klappe.
teleschau: Aber eine Meinung haben Sie doch.
Stipe: Sicher, ich gebe zu, dass ich mich über den Präsidenten Barack Obama freuen würde. Ich fände es gut, mal keinen Karrierepolitiker und Karriereprofi an der Spitze zu sehen. Obama entstammt nicht diesem Sumpf in Was

hington D.C. Er gehört nicht zu jenen, die die Lobbyisten und Interessengemeinschaften schmieren. Politik ist für Obama noch kein Spiel. Das macht ihn sympathisch. Er steht für einen echten Wechsel.
teleschau: Glauben Sie an die Kraft der Musik? Daran, dass Sie die Welt ein Stück weit verändern kann?
Stipe: Sie transportiert Inhalte, ändert aber nicht die Welt. Die Menschen sind es, die sie ändern müssen. Nur sie. Popmusik kann nur einen Anstoß geben. Denken wir nur an "Live Aid", das einer Menge Menschen das Leid in Afrika vor Augen geführt hat. Das hat ein Bewusstsein geschaffen. Es ist dann nur eine Frage, was die Menschen draus machen.
teleschau: Wie verfolgen Sie die Vorwahlen? Sie besitzen angeblich keinen Fernseher
1
·
2
·
3