Geht das Public-Viewing-Märchen weiter? Zur WM 2006 brachen alle Dämme / Kneipen und Bars dürfen auch die EURO 2008 zeigen

(tsch) Es dauerte eine Weile an jenem sonnigen 9. Juni 2006, bis die Münchner wirklich begriffen hatten, was die im Radio stakkatoartig gesendeten Verkehrsmeldungen zu bedeuten hatten. Erst die Fernsehbilder machten dann das ganze Ausmaß des Auftriebs fassbar: Nichts ging mehr! Im Umfeld des Olympiageländes, wo eine große Leinwand für Fußballfans aufgebaut war, entwickelte sich im Laufe des WM-Eröffnungstages nur ein paar Kilometer vom Austragungsort des Spiels Deutschland-Costa Rica entfernt eine wahre Massenhysterie. International, bunt, jung und friedlich. Seit diesem Zeitpunkt weiß jeder, dass Fußball gucken auf Großbildleinwand "Public Viewing" heißt. Rasend schnell setzten sich Mechanismen in Gang, die zumindest vorübergehend einiges veränderten in diesem Land. Zum Guten, wie die überwiegende Mehrheit meint, die nun zur Euro 2008 abermals auf gutes Wetter und ein bisschen Ausnahmezustand für jeden hofft. Noch ist ja - ganz genau wie vor der WM 2006 - von einer EM-Euphorie nicht viel zu spüren.

"Public Viewing", ein Pseudoanglizismus (im amerikanischen Englisch bezeichnet der Begriff die öffentliche Aufbahrung eines Verstorbenen, die Briten benutzen ihn gar nicht), wurde zum Phänomen, das fortan die Massen fesselte, die Völker verständigte und selbst seriöseste Soziologen und Psychologen auf den Plan rief, um über die Bedeutung simultaner Erlebnisse von Freude und Trauer Auskunft zu geben. In Talkshows wurde eifrig über die neue Lebensfreude der Deutschen schwadroniert, und schon ward gefragt, ob denn der neue Patriotismus (die Tanken machten ungeahnten Umsatz mit Auto-Fähnchen) noch gesund ist. Na klar, befand der große Teil des Feiervolkes. Die Nachkriegszeit ist ab sofort beendet. - Das jedenfalls behauptete der Kolumnist Franz Josef Wagner in der Tageszeitung mit den großen Lettern. Grund des erstaunlichen zeitgeschichtlichen Befunds sind Szenen der Umarmung zwischen Deutschen und Engländern, Holländern und Deutschen.

Wer früher ein großes Spiel außer Haus sah, tat das im Schrebergarten. Oder beim Nachbarn und in der Kneipe um die Ecke. Inzwischen mischt man sich mehr und mehr unters Volk. Ganz einfach auch deshalb, weil die technischen Voraussetzungen vorhanden sind. Eine solch emotionale Atmosphäre wurde erst durch Innovationen wie Großbildwände oder Plasmafernseher ermöglicht.

Seinen noch recht zarten Anfang nahm all das schon bei der WM 2002. "Wir sind 2002 schlicht und einfach überfahren worden von dem großen Erfolg", erinnert sich ZDF-Sprecher Walter Kehr an den Beginn des Public Viewing im großen Stil. Heute ist man für alles gewappnet. Die Akustik im Sony Center in Berlin, das sich 2006 dank der gigantischen ZDF-Übertragungen als eine Art Auge des Orkans entpuppte, war phänomenal. "Es ist, als säße man in der Südkurve mit 5.000 Leuten", meinte Kehr 2006 begeistert.

Ausgehend vom Berliner Epizentrum hatte das WM-Land rasch eine allgemeine Euphorie erfasst. "Zu den 20 Millionen Zuschauern beim Eröffnungsspiel, die in den GfK-Haushalten gemessen wurden, kamen noch einmal zwölf Millionen hinzu, die laut Kehr "das Gemeinschaftserlebnis unter Freunden und bei öffentlichen Großveranstaltungen suchten". Gemessen wurde dieser Überhang mittels einer "computergestützten" Forsa-Telefonumfrage bei 1.000 repräsentativen Bundesbürgern. Noch nie zuvor wurde außer Haus so viel ferngesehen. Bei den deutschen WM-Spielen ab dem Achtelfinale jeweils rund 16 Millionen Menschen.

2008 soll die Seebühne der Bregenzer Festspiele das Herzstück der ZDF-Berichterstattung werden

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