Das Geheimnis der französischen Stimme: Die Französin Camille hat mit "Music Hole" das ungewöhnlichste Pop-Album des Sommers aufgenommen

(tsch) Die 30-jährige Pariserin Camille erweckt auf ihrem grandiosen Album "Music Hole" ein Genre zu neuem Leben, das der Pop seit den frühen Doo-Wop-Tagen schon fast vergessen hatte: Vokalmusik. Fast ohne die Hilfe anderer Instrumente kommt das erste englischsprachige Album des französischen Stars daher, der vom Vorgängeralbum "Le Fil" in der Heimat eine halbe Million Tonträger unter das Volk brachte. Und das, obwohl Camilles Musik nicht nur aufgrund ihres A-capella-Stils immer ungewöhnlich, manchmal sogar ein bisschen sperrig war. Letzteres trifft auf das neue Album überhaupt nicht zu: Mit leichter Hand und mitreißender Musikalität erschafft "Music Hole" ein eigenes Universum der Popmusik, gespeist aus der anglo-amerikanischen Popkultur: Gospel, Singer-Songwriter, Prog-Rock, Soul, Radiopop. So originell hat Popmusik in der Tat lange nicht mehr geklungen.

teleschau: Nach einigen französischen Alben singen Sie nun plötzlich Englisch. Warum?

Camille: Das hat mit Neugier zu tun. Damit, dass ich es liebe, Dinge auszuprobieren. Ich kann recht gut Englisch, Sprachen interessieren mich ganz allgemein. Alle Sprachen sind übrigens musikalisch. Jede Sprache besitzt eine ganz eigene Musikalität. Für mich als Musikerin ist das Erforschen dieser Sprachen auch das Erforschen von Musik. Je mehr Sprachen man spricht, desto reicher ist man. In jeder Sprache wird ein und derselbe Mensch ganz andere Dinge ausdrücken.

teleschau: Sie sind ein Star in Frankreich, und die Franzosen sind bekanntlich sehr stolz auf ihre Sprache und Kultur. Wie reagieren ihre Landsleute, wenn Sie nun auf Englisch singen?

Camille: Ich habe noch niemanden getroffen, der mir das vorgeworfen hat. Ich weiß nicht, wie das Publikum reagiert. Bei einigen Leuten existieren sicher Vorbehalte. Ich habe auch schon Dinge gelesen wie: "Oh, nein. Warum muss Camille jetzt auf Englisch singen?" Ich finde, die Leute sollten sich die Musik erst mal anhören. Aber das ist typisch Französisch! Wir mögen es, über Dinge zu diskutieren, die wir noch gar nicht kennen.

teleschau: Das ist in Deutschland ganz ähnlich ...

Camille: Aha, vielleicht ist es ein deutsch-französisches Ding. Die Franzosen sind ohnehin sehr diskutierfreudig. Manchmal lese ich auf meiner Webseite, über was sich die Fans Gedanken machen: unter anderem darüber, ob meine Nase zu lang ist oder nicht (lacht). Letztes Jahr habe ich ein klassisches Stück von Benjamin Britten interpretiert. Da gab es wochenlange Diskussionen, ob ich als klassisch nicht ausgebildete Sängerin so etwas überhaupt tun darf. Zu diesem Zeitpunkt hatte noch niemand das Stück gehört. So ist eben unsere abendländische Kultur: Wir wollen alles sofort verstehen, auch wenn wir noch gar nicht angefangen haben, uns damit zu beschäftigen. Nun ist eben die große Diskussion, dass ich Englisch singe. Dabei setze ich auch Französisch an ganz bestimmten Stellen dieses Albums ein ...

teleschau: Warum an bestimmten Stellen?

Camille: Französisch ist perkussiver, es hat mehr Konsonanten, es ist mehr "Latin". Wenn Sie sich brasilianische Songs anhören, klingen die fast immer besser in französischen Übersetzungen als auf Englisch - aufgrund dieses perkussiven Charakters der Sprache. Ich setze Französisch also da ein, wo ein perkussiver Effekt gefragt ist. Das kann funky klingen. Und dann habe ich es in Momenten benutzt, die sehr intim waren

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