Vom Blues der Erwachsenen: Kettcar erzählen auf "Sylt" von der Last des Alters
(tsch) Wer alt genug ist und dazu Künstler, will mitunter den Ich-Götzen hinter sich lassen. Vielleicht hat man seit dem Wachsen des ersten Bartflaums gemerkt: Mist, die anderen schieben dieselben Probleme vor sich her. Ist man vielleicht gar nicht so einzigartig wie man einst dachte? Der künstlerische Ausweg heißt da nicht selten Gesellschaftskritik - lyrisch, versteht sich. Kettcar gehören zu den Bands, die den Ich-Horizont lange hochgehalten haben, sicher ein Grund ihres beachtlichen Erfolges. Mit ihrem dritten Album "Sylt" wollen die Hamburger Deutschrocker nun jedoch den Vorwurf hinter sich lassen, "befindlichkeitsfixiert" zu sein. Doch auch das Ende der Introspektion fördert bittere Wahrheiten zutage. Gut, dass dazu ein musikalisches Rockinferno gereicht wird.
In diesem Sommer wird Marcus Wiebusch 40 Jahre alt. Bereits vor drei Jahren hieß es in einem Bericht der "Tagesthemen" über seine Band Kettcar: "Sie sind nicht cool, nicht elegant, sie scheren sich ni

cht darum, was gerade in ist." Muss man sich so etwas von der ARD sagen lassen? Einem Sender, dessen Zuschauer durchschnittlich 60 Jahre alt sind? Kettcar sind Kummer gewohnt. Bereits ihr Erstling "Du und wieviel von deinen Freunden" (2002) wurde im Vorfeld von der gesamten Plattenbranche abgelehnt: die Texte zu verstiegen, die Typen zu alt! Eine Malaise, die zur Gründung des eigenen Labels "Grand Hotel Van Cleef" führte, der Rest dürfte bekannt sein: Kettcars Alben verkauften sich wie geschnitten Brot. Zuletzt wurden "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" 70.000 Exemplare - tatsächlich käuflich - erworben. Nicht zuletzt deshalb feierten Fans wie innovativ gestimmte Branchenvertreter das "Grand Hotel" und seine Vorzeigebands Kettcar und Tomte als kreativen Ausweg aus der

Krise der Musikindustrie: Herzblut, "Do it Yourself" und vor allem Authentizität - so wird selbst aus "alten Jammerlappen" ein Popphänomen.
Dennoch soll nun einiges anders werden. "Wir wollten weg von der Introspektion", gibt Marcus Wiebusch unumwunden zu. "Das neue lyrische Ich ist nie mehr mein wirkliches Ich. Songs wie "Nacht" oder "Balu" sind zwar nach wie vor wichtig für Kettcar, aber wir sind damit wirklich an einem Endpunkt angekommen, was den Blick nach Innen betrifft." Kettcars drittes Album "Sylt" könnte man nun etwas hölzern als sozio-ökonomisches Protestalbum bezeichnen. In Songs wie "Würde", "Geringfügig, Befristet, Raus" oder "Graceland" geht es um das Scheitern erwachsener Menschen, die - und das gilt gerade auch für die ach so entspannte alternative Szene - dem Anforderungskatalog Globalisierung, Pop und Jugendlichkeit nicht mehr gewachsen sind. Auch im eigenen Umfeld macht Wiebusch den Zusammenhang von Neoliberalismus und Burnout-Syndrom immer öfter dingfest. In "Würde" zieht ein Vierzigjähriger wieder bei seinen Eltern ein mit den Worten: "Mach dir keine Sorgen, Mama. Papa, ja ich weiß bleib ruhig. Euer Junge kommt nach Hause heute. Gebrochen, fertig, durch." Dass man als Midager-Rockband und Labelbetreiber selbst Teil der "Knochenmühle" und "Spaßgaleere" ist (Zitate aus "Wir werden nie enttäuscht werden") liegt dabei nahe.
Was ist sonst anders auf "Sylt"? Ein neues, rockigeres Sounddesign, bei dem unter anderem Produzent Moses Schneider (Tocotronic, Beatsteaks) für einen kraftstrotzenden, liveartigen Sound sorgte
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