Javier Bardem: Ein Terminator mit zerbrochener Seele

(tsch) Javier Bardem (38) ist eigentlich der Vorzeigespanier des internationalen Intellektuellenkinos, mutig in seiner Rollenwahl. Dennoch schimmert durch seine Figuren immer eine mediterran-maskuline Ausstrahlung hindurch, selbst der gelähmte Fischer in "Das Meer in mir" versprühte Sexappeal, ebenso wie der liebeskranke Florentino Ariza in der Romanverfilmung "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" (Kinostart: 21.02.). Damit ist jetzt Schluss! Im skurrilen Thriller "No Country for Old Men" (Kinostart: 28.02.) von Joel und Ethan Coen spielt Javier Bardem den Killer Anton Chigurh. Der schlägt, ausgestattet mit Günter-Netzer-Gedächtnisfrisur und einem gasbetriebenen Bolzenschussgerät eine blutige Schneise durch Texas. Lohn der Hässlichkeit: Eine Oscarnominierung als bester Nebendarsteller. Im Interview spricht Javier Bardem über Sprachbarrieren, japanische Toreros und seinen Friseur.

teleschau: Stand bereits auf dem Drehbuchdeckel "Achtung: Oscar", oder was hat Sie gereizt in einem so schrägen Film wie "No Country for Old Men" einen noch schrägeren Mörder zu spielen?

Javier Bardem: Abgesehen von der Tatsache, dass es ein Coen-Film ist, gefiel mir die Abwesenheit jeglicher Bedeutung hinter der Gewalt in diesem Film. Meine Figur verkörpert die Gewalt, aber niemand weiß, woher ich komme, welches meine Absichten sind oder meine Bedürfnisse. Jeder denkt, er könne mich mit noch mehr Gewalt zerstören und erschafft dadurch nur selbst mehr Schmerz und Leid. Die Absurdität der Gewalt und der Mangel an tieferer Bedeutung dahinter transzendiert die Tatsache, dass es überhaupt ein gewalttätiger Film ist.

teleschau: Wie haben Sie sich an diese extreme Figur des Anton Chigurh herangetastet?

Bardem: Das hat mein Friseur für mich erledigt! Er lockte mich in meinen Trailer, schnitt mir die Haare, und als ich wieder herauskam, rannen den Coens Lachtränen über die Wangen. Ich habe nicht verstanden, bis ich mich im Spiegel betrachtete. Da wusste ich plötzlich: Das ist Anton Chigurh. Ein begabter Filmfriseur hat mich also in diesen kranken Typen verwandelt, der mal ein wenig Ordnung in seinem Leben bräuchte. Er ist ein Terminator mit zerbrochener Seele.

teleschau: Zwischen Anton Chigurh und Florentino Ariza ...

Bardem: ... liegen Welten. Anton verkörpert Hass und Leid. Florentino ist die personifizierte Liebe. Jemand, der 55 Jahre auf seine Angebetete wartet, ist ja wohl der ultimativ Liebende. Außerdem hatte ich den Roman "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" von Marquez schon mit 14 verschlungen. So eine Rolle kann man einfach nicht ablehnen.

teleschau: Die des widerlichen, unattraktiven Killers hätten dagegen sicher viele abgelehnt. Warum wollten Sie ihn dennoch spielen?

Bardem: Weil ich schon immer mit Joel und Ethan Coen arbeiten wollte. Als ich das erste Mal in die USA kam, fragte mich meine neue Agentin dort: "Mit welchem Regisseur würdest du am liebsten drehen?" "Die Coens", lautete meine prompte Antwort. "Vergiss es, die drehen viel zu amerikanische Filme", gab sie zurück. Was ja auch stimmt, aber zum Glück hat es jetzt dennoch geklappt.

teleschau: Und die Sprachbarriere hat Sie nicht behindert?

Bardem: Oh doch, und wie. Anton hat ja zum Glück einen Akzent, auch wenn der auf keinen Fall eindeutig spanisch sein soll. Aber ich musste mir das Drehbuch Wort für Wort mit dem Wörterbuch in der Hand übersetzen, um es richtig zu verstehen und zu sehen, was hinter den Dialogzeilen steckt

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