Erkenntnisse auf der Wellblechpiste: Christopher von Deylen über sein neues Schiller-Album "Sehnsucht"
(tsch) Christopher von Deylen ging es vor allem um eines: Selbstbestätigung. Als er endlich seinen langen Namen auf einem Plattencover las, war aber nur scheinbar das höchste der Gefühle erreicht. Der Erfolg blieb aus. Erst die neu entdeckte Bescheidenheit und die Erkenntnis, dass nur der erfolgreich ist, der sich nicht verbiegt, machten ihn zum erfolgreichen Musiker, Komponisten und Produzenten. Unter dem Namen Schiller erarbeitet er sich seit Jahren eine treue Fangemeinde und Respekt in der Musikbranche, der ihm die Zusammenarbeit mit hochkarätigen Gesangs- und Schauspielstars ermöglicht. Für sein neues Album "Sehnsucht" gewann er unter anderem Xavier Naidoo und Ben Becker. Im Interview spricht Christopher von Deylen über die Sehnsuchtssuche auf dem Weg nach Kalkutta, den Fluch der Häppchen-Kommunikation, und er erklärt, warum es manchmal notwendig erscheint, alles wegzuwerfen.
teleschau: Was verstehen Sie unter Sehnsucht?
Schiller: Sehnsucht ist zunächst einmal ein Gefühl. Es ist der Wunsch nach etwas, dass auf der einen Seite in Erfüllung, auf der anderen Seite doch

nicht in Erfüllung gehen soll.
teleschau: Das müssen Sie genauer erklären.
Schiller: Ich kann da nur von mir ausgehen: So melancholisch sich Sehnsucht auch anfühlen mag, trägt sie eine gewisse Romantik und Emotionalität in sich, sodass ich mich ihr gerne hingebe. Wenn ich mich nach der Ferne sehne, verbessert sich ja nicht mein Gefühlszustand, wenn ich tatsächlich aufbreche, um in die Ferne zu reisen.
teleschau: Stellen Sie in der Gesellschaft eine wachsende Sehnsucht fest?
Schiller: Ich bin nicht der Einzige, der dieses Gefühl neu entdeckt. Bei diesem Album ging ich anders als sonst vor. Ich malte mit der Musik und trat dann wie der Maler zurück, um mir zu überlegen, wonach das Gemälde denn eigentlich aussieht. Dieses Mal

mischte ich die Farbpalette gleich zu Beginn, es sollte auf Sehnsucht hinauslaufen. Ich wollte aber kein Konzeptalbum machen - das hätte doch etwas Oberlehrerhaftes an sich gehabt. Ich ließ mich einfach durch das Motiv Sehnsucht leiten.
teleschau: Was faszinierte Sie daran?
Schiller: Ich fuhr vor einiger Zeit mit meinem alten Auto nach Kalkutta. Als ich durch Länder wie den Iran und Pakistan fuhr, traf meine eigene recht unspezifische Sehnsucht nach etwas auf die Sehnsucht der Menschen dort. Im Iran zum Beispiel wurde ich neugierig von den Leuten befragt. Da gab es eine enorme Sehnsucht nach etwas Fremdem, aber nicht in der Form, dass die jetzt auf einmal alle nach Deutschland wollten. Es ist vielmehr ein Wissensdurst. Diese Reise war fü

r mich sehr aufregend und auch emotional sehr einschneidend.
teleschau: Nahmen Sie Unterschiede in den Sehnsüchten der Kulturen wahr?
Schiller: Als ich nach Hause kam, bemerkte ich bei vielen Leuten hier in Deutschland ein Sehnsuchtsdefizit, weil es viel zu lange einen gesellschaftlichen Trend zur Rationalität gab, der keinerlei Sehnsuchtsartikulation zuließ. Ich bin weit davon entfernt, ein Zivilisationskritiker zu sein. Doch ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch Momente braucht, in denen er allein ist - nicht einsam, sondern alleine mit sich.
teleschau: Wie meinen Sie das?
Schiller: Wenn man mit sich alleine ist, dann kann das schon mal unbequem werden. Dann kommen auf einmal Gedanken zum Vorschein, die einem ungelegen kommen. Man muss in sich gehen, und das wollen viele Menschen nicht
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