Gero von Boehm: Das Leben ist eine Mischkalkulation

Mit der zweiteiligen ZDF-Dokumentation "Kreml, Kaviar und Milliarden" über Russlands neureiche Oligarchen erregte Gero von Boehm zuletzt viel Aufsehen, denn er rückte den Milliardären auf den Pelz, um den Zusammenhang zwischen Politik und wirtschaftlichem Aufstieg in Russland aufzuzeigen. Aber auch mit seiner 3sat-Gesprächsreihe "Gero von Boehm begegnet" geht der 1954 in Hannover geborene Autor, Produzent (Interscience Film) und Regisseur seit Längerem neue Wege. In intensiven 45-Minuten-Gesprächen unter vier Augen porträtiert er interessante Menschen unserer Zeit. "Ich bin ein Filmmensch", sagt von Boehm - und verzichtet deshalb auf eine übliche Studioumgebung: Er besucht sein Gegenüber an Orten, die ihm etwas Besonderes bedeuten - und zeigt Bilder und Gegenstände, die für den Porträtierten wichtig sind. Am Montag, 08.06., 22.25 Uhr, begegnet er nun dem internationalen Unternehmensberater Roland Berger.

teleschau: Herr von Boehm, Ihr Anliegen ist es für gewöhnlich, die Bedeutung von Künstlern und Wissenschaftlern zu vermitteln. Nun widmen Sie sich - mitten in der Wirtschaftskrise - dem Unternehmensberater Roland Berger, einem der Größten seiner Branche.

Gero von Boehm: Es geht mir mehr um die Psyche, den ureigenen Antrieb Roland Bergers, als um den materiellen Erfolg. Berger ist ja ein genialer Ideengeber. Viele seiner Analysen und Ideen landen aber auch in der Schublade. Zur Zeit der Wende erklärte er etwa Helmut Kohl sehr deutlich, wie es kommen würde und wie teuer es werden würde. Kohl zog jedoch damals ein Redemanuskript aus der Schublade, in dem von "blühenden Landschaften" die Rede war und von 600 Milliarden Mark, die man in den neuen Ländern verdienen werde. Wir wissen heute: Es kam anders.

teleschau: Der Aufstieg des Selfmademan Roland Berger mag atemberaubend sein, schon als Student betrieb er eine Wäscherei und einen Spirituosen-Discount, mit 40 war er Chef einer internationalen Beraterfirma mit Büros in Mailand, Paris, London und Sao Paulo. Doch was war Ihr Beweggrund, ihn zum Protagonisten Ihrer Sendung zu machen?

von Boehm: Ein wichtiges Thema ist für mich stets das Phänomen der Macht. Es interessiert mich, wie und wo sie sich zusammenballt. Ich will nachgucken: Wie ist das mit dieser Machtzusammenballung, die uns alle immer wieder betreffen kann. Berger hat großen Einfluss. Seine Firma gehört zu den fünf größten Beraterfirmen weltweit, er hat ein bedeutendes Netzwerk aufgebaut.

teleschau: Was hat Sie an ihm letztlich beeindruckt?

von Boehm: Er wollte immer unabhängig sein, er wollte keine Hierarchie. Was aus seiner Kindheit kam: Sein Vater bekam schon früh mit den Nazis Ärger. Als Finanzmanager bei Hjalmar Schacht in Berlin wollte er kein Geld für die Jugendaufmärsche bewilligen. Später duldete er als Leiter einer Fabrik in Wien keine Nazipropaganda. Das trug ihm immer wieder Wohnungsdurchsuchungen ein, schließlich landete er für längere Zeit in einem Gestapogefängnis. Das alles dürfte ein Beweggrund für den von Roland Berger gestifteten "Preis für Menschenwürde" gewesen sein, für Menschen, die besonders mutig sind, wie zuletzt Shirin Ebadi im Iran. Der Preis ist übrigens mit einer Million Euro etwa so hoch wie der Nobelpreis dotiert.

teleschau: Berger ist heute 71 Jahre alt. Mit 65 stieg er aus der Firma aus. Sah er die Finanz- und Wirtschaftskrise eigentlich voraus?

von Boehm: Er hat die Krise kommen sehen, er erkannte, dass das völlig aus dem Ruder läuft

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