Drei Dekaden, große Gesten: Die Simple Minds feiern mit "Graffiti Soul" nicht nur ihr Comeback

Simple-Minds-Fans hatten in den letzten Jahren wenig Grund zur Freude: Da war von fehlendem Enthusiasmus zu lesen, vom verlorenen Plattenvertrag und dem endgültigen Abschied der schottischen Kult-Rocker. Wenn eine Band jedoch einen unverwechselbaren Stil besitzt, einen Sänger mit Charisma und Texte mit wahren Werten, gelingt mitunter die Rückkehr ins Tagesgeschäft des Pop. Mit ihrem neuen Album "Graffiti Soul" erhielten die Glasgower einen neuen Major Deal und feiern ganz nebenbei ihr 30-jähriges Jubiläum. Sänger Jim Kerr gibt Auskunft.

teleschau: Die Apartheid ist Geschichte, Nelson Mandela ist befreit, die Berliner Mauer ist gefallen und Amerika hat einen schwarzen Präsidenten. Hättest Du Dir das in den kühnsten Träumen ausgemalt, als Ihr 1979 das erste Album veröffentlicht habt?

Jim Kerr: Mit Sicherheit nicht. Ich erinnere mich daran, dass ich zum Zeitpunkt des Berliner Mauerfalls in Australien auf Tour war. Ich sprang in meinem Hotelzimmer auf und ab, weil es mich für die Menschen so freute. Auch als ich sah, wie Mandela ein freier Mann wurde und wie er da neben seiner Frau die Straße entlanglief, voller Stolz, da wurden meine Augen feucht. Das war ein bewegender Moment. Und jetzt zu sehen, dass die Vereinigten Staaten einen schwarzen Präsidenten haben, ist natürlich besonders für die schwarze Bevölkerung ein großer Erfolg, damit besonders ihre Probleme wahrgenommen werden, die bislang eher ignoriert wurden.

teleschau: Springsteen gehörte zu den Künstlern der "Vote For Change"-Bewegung. Du bist nicht nur ein Fan seiner Musik, Ihr seid auch befreundet ...

Kerr: Ich erzähle Dir mein erstes Treffen mit Bruce: Als ich vor vielen Jahren in New York im Studio war, fragte mich Jimmy Iovine, der viele seiner Alben produziert hat, ob ich mal zehn Minuten Pause machen könne. Er tat sehr geheimnisvoll. Er bekam einen Anruf und wir fuhren mit einem Fahrstuhl runter zum Parklatz. Und da stand Springsteen, lehnte an seiner schwarzen Corvette und meinte: "Schön, dass ihr Zeit habt, ich hätte gern eure Meinung zu unserem Album, ich weiß nicht, ob der Mix cool ist." Wir kamen also mit ins Studio, und er spielte uns "Born To Run" vor. Ich bin fast vor Glück geplatzt. In diesen Tagen freundeten wir uns an.

teleschau: Euer neues Album birgt eine Rückkehr zu den großen, dramatischen Sounds der 80er-Jahre und wirkt trotzdem nicht antiquiert. Wie schafft man das?

Kerr: Wir hatten uns einen Plan gemacht, der anfangs aussah, als sei er nicht zu realisieren. Wir wollten wie die klassischen Simple Minds klingen, nur mit heutigen Sounds. Das ist nicht nur ein Gegensatz, zudem impliziert das Ziel klassisch klingen zu wollen immer auch einen Anachronismus. Aber wir wollten die klassischen Qualitäten der Simple Minds hervorheben: unsere Energie, unseren Sound und Charlies fantastisches Gitarrenspiel.

teleschau: Musikalischer Erfolg ist immer auch eine Sache des Timings. Ihr findet derzeit ein Klima vor, das dem Sound der 80er-Jahre milde gesonnen ist ...

Kerr: Ja, es gibt durchaus wieder einige Bands, die die Sounds der Achtziger zitieren und das sehr erfolgreich

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