teleschau: Der Film beginnt als Charakterstudie und endet in einem psychedelisch anmutenden Gangster-Showdown ...
Tilda Swinton: ... weil die Alkoholsucht genau dorthin führt. Die äußere Gewalt

, die sich manifestiert, als Julia mit ihrem Entführungsopfer in Mexiko landet, ist im Grunde nicht schlimmer als das, was sie sich selbst schon vorher angetan hat. Hätte dieser Film ein Hollywood-Ende, dann würde Julia irgendwann aufwachen und alles wäre nur ein böser Traum gewesen. Genau das wollten wir aber nicht drehen!
teleschau: Konnten Sie denn eigene Erfahrungen mit Alkohol in die Rolle der "Julia" einbringen?
Tilda Swinton: Nur aus zweiter Hand! Ich tauge zum Trinken einfach nicht, weil ich nach nur einem Drink schon einschlafe. Deshalb war ich immer diejenige, die bei Partys nur vorgab angeheitert zu sein und dann stocknüchtern den Polizisten an der Tür versprach, dass wir alle leise sein werden und bald heimgehen. Sie dürfen raten, wer dann auch den Taxi-Job übernommen un

d alle anderen ins Bettchen gebracht hat. Am Set musste ich dann peinlicherweise vor dem Regisseur zugeben, dass ich nicht weiß, wie es ist, betrunken zu sein. Wir haben dann geprobt, so zu tun als ob. War aber gar nicht so schwer (lacht).
teleschau: Kann man einem solchen Monster wie Julia als Darstellerin überhaupt nahe kommen?
Tilda Swinton: Ich gebe zu, dass diese Dreharbeiten einer zoologischen Expedition auf unbekanntes Terrain glichen. Alle meine bisherigen Rollen hatten zumindest mit Fragmenten meiner Persönlichkeit oder meines Lebens zu tun. Dennoch war mir diese Figur nicht fremd. Ich stecke nicht in Julia, aber Julia ist in mir.
teleschau: Sie haben selbst Zwillinge. Führt eine Rolle wie Julia Sie als Mutter an Grenzen?
Tilda Swinton: Julia fehlt jeder mütte

rliche Instinkt, wirklich jeder! Diese Figur überschreitet Grenzen, aber genau deshalb war sie auch ehrlich und interessant. Warum sind drei Hamburger kein geeignetes Notfrühstück für einen Neunjährigen? Warum sollte sie ihn nicht mit der Waffe in Schach halten? Und weil der Knirps im Film bei seinem Opa aufwächst, ist er der ideale Gegenpart für Julia. Er weiß nämlich genauso wenig über die Beziehung eines Jungen zu einer Frau.
teleschau: Auch "Julia" ist ein kleiner Independentfilm. Warum spielen Sie so selten in kommerziellen Mainstreamproduktionen ...
Tilda Swinton: Mainstream muss ja nicht zwangsläufig auch kommerziell sein! Und was der eine als Mainstream empfindet, kann für den anderen schon mutiges Experimentalkino sein
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