Fußballwitz im Bühnenkostüm: Coldplay zelebrieren "Viva La Vida" in London

(tsch) Die besten Momente bei Coldplay-Konzerten sind dann doch die, die mit Stadionrock nicht viel zu tun haben: Chris Martin, das fällt schnell auf, ist bewegungsmäßig noch nicht so routiniert wie die Kollegen von U2 und Co. Wenn er über die Bühne geht, stolpert er fast ein bisschen, weiß nicht wohin mit sich, verrenkt sich, macht Bewegungen, die man so noch nicht gesehen hat. Aber das ist nicht schlimm: Die Brixton Academy, in der Familie der Konzertsäle Londons so etwas wie die vornehme, aber manirierte alte Tante, ist bis zum letzten der etwa 4.000 Plätze gefüllt. Coldplay, die wohl größte Band der zeitgenössischen Pop-Welt, zelebriert nicht weniger als den Auftakt der "Viva La Vida"-Tour. Bedeutet: ein neues Zeitalter zur neuen Platte. Neue Songs, eh klar. Aber auch neue Klamotten. Eigentlich das erste richtige Bühnenkostüm, historisch im 18. Jahrhundert verortet, aber modern interpretiert. Und neue Fans, etwa Kelly Osbourne, die sichtbar ergriffen linkerhand der Bühne steht.

Vor allem fällt aber auf, dass Coldplay einen Klang gefunden haben, der eine Allgemeingültigkeit besitzt, die bemerkenswert ist und oft genug wie eine 2.0-Variante der Musik wirkt, mit der sie schon früher enorm erfolgreich waren. Im direkten Vergleich fällt auf: So schön Lieder wie "In My Place" oder das eher pflichtübungsmäßig, aber dafür exponiert aus dem Publikum angespielte "Yellow" sein mögen, gegenüber den Songs auf "Viva La Vida Or Death And All His Friends" stinken sie ab - verblüffend auch, weil das vierte Coldplay-Album eine Produzentenplatte ist, eine, die nicht unerheblich von Brian Eno und Markus Draws lebt. Diese Energie auf die Bühne zu transferieren - es gelingt Coldplay, nicht zuletzt wegen eines Publikums, das auch mit den neuen Songs auf Du und Du ist und auch die Momente, die die Melodie zugunsten eines austarierten Gesamtklangs, einer akustischen Idee hinten anstellen, rührig akzeptieren und zelebrieren. Chris Martin dankt's - das am Rande - mit einem Fußballwitz: dem alten, mit dem englischen Team und der Playstation.

"Ich würde sie gerne hassen - aber sie sind einfach verdammt gut", sagte Ian McCulloch, Sänger der Britpop-Veteranen Echo and the Bunnymen, schon vor sechs Jahren. Und diese immense Qualität dürfte Kickstarter für die Coldplay-Karierre gewesen sein. Von der ersten EP veröffentlichten Chris Martin, Will Champion (Schlagzeug), Jon Buckland (Gitarre) und Guy Berryman (Bass), die sich Mitte der 90er-Jahre auf einem Londoner College kennenlernten, gerade mal 500 Stück. Die zweite folgte rasch und erschien auf dem englischen Indie Fierce Panda, das in der Vergangenheit für Bands wie Embrace oder Keane Erfolgsmotor war. Hier blieben Coldplay kein Jahr - Parlophone kaufe die Band 2000 aus ihrem Vertrag, um "Parachutes" zu veröffentlichen - das erste Coldplay-Album und gerade wegen seiner Simplizität eine der schönsten Britpop-Platten überhaupt. Vielleicht liegt's daran, dass es um Leidenschaft geht, um Gefühle. "Ich möchte, dass die Leute etwas von unserer Musik mitnehmen. Sie sollen da etwas rausholen - mir ist lieber, sie merken, dass sie es hassen, als dass es ihnen gleichgültig ist", sagte Martin damals. Mit "A Rush Of Blood To The Head" erschien 2002 der Nachfolger - in Deutschland gelang Coldplay damit erstmals der Sprung an die Spitze der Hitpraden.

Das übermäßig geglättete "X & Y" schließlich schaffte selbiges vor drei Jahren weltweit - und erntete dennoch maue Kritiken. Denn Coldplay wechselten aus dem Gefühl in die Gefühligkeit

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