Präsident dank Pökelfleisch? Niels Hamdorf dolmetscht beim letzten Präsidentschaftsduell (Mi., 15.10., 02.55 Uhr, ARD)

(tsch) McCain, Obama, Obama, McCain - keine Frage, auch in den deutschen Medien schlägt der Kampf um das Amt des US-Präsidenten hohe Wellen. Immerhin ist es der Posten des mächtigsten Mannes der Welt, um den der Demokrat Barack Obama und der Republikaner John McCain derzeit konkurrieren. Am Mittwoch, 15. Oktober, nehmen die Kandidaten die letzte große Hürde vor dem Wahlabend am 04. November: das dritte und letzte Fernsehduell, das die ARD ab 02.55 Uhr live überträgt. Während die meisten deutschen Zuschauer um diese Zeit verschlafen in die Runde blicken dürften, leistet ein Mann in den Räumen des NDR verbale Schwerstarbeit: Niels Hamdorf (49), der Simultanübersetzer von John McCain.

teleschau: Herr Hamdorf, ist es etwas Besonderes, den möglicherweise bald mächtigsten Mann der Welt zu dolmetschen oder ein Auftrag wie jeder andere?

Niels Hamdorf: Es ist schon etwas Besonderes. Ich weiß, dass tausende Zuschauer mir zuhören und jedes Wort auf die Waagschale gelegt wird. Und das in dem Bewusstsein, dass sich die Kandidaten sehr intensiv vorbereiten, damit sie nichts sagen, was gegen sie verwendet werden kann. Insofern bin ich in diesen anderthalb Stunden extrem angespannt, weil mir keine Schwäche nachgesehen wird.

teleschau: Wie bereiteten Sie sich darauf vor?

Hamdorf: Otto von Bismarck soll einmal gesagt haben, Politik sei die Kunst des Möglichen. Ich glaube manchmal, die Simultandolmetscherei ist die Kunst des Unmöglichen.

teleschau: Inwiefern?

Hamdorf: Man kann praktisch nie hundert Prozent der Inhalte, Nuancen oder Emotionen rüberbringen, die im Gesagten mitschwingen. Dennoch strebt man danach. Deshalb versuche ich als Dolmetscher, Fachmann auf Zeit zu sein. Um mir ein möglichst großes Hintergrundwissen zu beschaffen, las ich einige aktuelle Bücher über Kultur, Wirtschaft, Geschichte und Politik der Vereinigten Staaten. Außerdem konzentrierte ich mich auf den biografischen Hintergrund von McCain, und ich sah mir die Parteiprogramme an - nicht nur die der Republikaner, sondern auch die der Gegenseite.

teleschau: Um besser auf Gesagtes reagieren zu können?

Hamdorf: Richtig. Zur Vorbereitung gehört außerdem, sich in die Stimme des Kandidaten einzuhören. McCain hielt auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner eine Rede, die ich mir im Internet heraussuchte und anhörte. So kann ich herausfinden, wie der Mann denkt, wie er strukturiert ist.

teleschau: Trainierten Sie zuvor auch politisches Vokabular?

Hamdorf: Selbstverständlich. Es gibt eine ganze Reihe Begriffe, die für Amerikaner geläufig sind, mit denen aber die Deutschen nichts anfangen können. Diese muss man herausfinden und versuchen, sie möglichst knapp und präzise zu umschreiben.

teleschau: Haben sie spontan ein Beispiel parat?

Hamdorf: Es fällt beispielsweise gelegentlich die Formulierung "Pork Barrel Politics". Wortwörtlich könnte man das mit "Pökelfleischpolitik" übersetzen, aber das versteht kein Mensch.

teleschau: Stimmt.

Hamdorf: Wenn man das Glück hat, im Vorfeld auf solche Ausdrücke zu stoßen, kann man sich vorher informieren, was sie bedeuten und woher sie stammen. In diesem Fall wäre eine ungefähre Umschreibung "die Bedienung von partikularen Interessen eines einzelnen Bundesstaates"

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