Susanne Lothar: "Jeder ist ein Raubtier"
Es ist nur eine von vielen Grausamkeiten, die Michael Haneke in seinem Cannes-Gewinner "Das weiße Band" (Kinostart: 15. Oktober) schildert. Die Hebamme eines kleinen Dorfes, Mutter eines behinderten Kindes, wird vom Landarzt, dem Mann, den sie liebt, mit außergewöhnlich roher verbaler Gewalt erniedrigt und gedemütigt. In einer der intensivsten, erbarmungslosesten Szenen des Films, der das von protestantischem Fundamentalismus und rigiden Moralvorstellungen geprägte Leben kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zeigt, erfährt Susanne Lothar (48) einmal mehr, wozu Menschen fähig sind. Die gefeierte Film- und Theaterschauspielerin, die derzeit für "Die kommenden Tage" (Regie: Lars Kraume) vor der Kamera steht, arbeitete bereits zum vierten Mal mit Haneke zusammen, der sie schon in "Funny Games" (1997) in eine Hölle schickte. "Er ist ein großer Humanist", sagt Lothar über den Regisseur, dem sie blind vertraut.
teleschau: Frau Lothar, Sie haben schon häufig mit Michael Haneke gedreht, bei ihm geht es oft um Erniedrigung und Gewalt wie auch in "Das weiße Band". Was fasziniert Sie daran?
Susanne Lothar:

Ach Gott, persönlich fasziniert mich an Gewalt und Erniedrigung gar nichts. Aber es findet nun mal statt auf der Welt. Das heißt, als Schauspieler sollte man sich damit beschäftigen, wenn man nicht nur Unterhaltung dreht. Und in Michael Haneke fand ich einen wunderbaren, genialen Regisseur, der das Thema auf den Punkt bringen kann, so wie ich mir das auch vorstelle. Das war unser vierter gemeinsamer Film. Ich habe mich sehr gefürchtet und mich überwinden müssen, diese Rolle zu spielen. Aber die Dreharbeiten waren dann ganz leicht.
teleschau: Was hat Ihnen denn Angst gemacht?
Lothar: Es hat mir keine Angst gemacht, Angst habe ich vor anderen Dingen. Aber ich musste mich als Schauspielerin schon überwinden und jede Eitelkeit ablegen, um mir vor laufender Kamera solche Dinge ins Gesicht

sagen zu lassen. Ich wusste nicht, ob diese Szene aufgeht, aber meine Freunde und Bekannten haben mir nach der Berliner Premiere bestätigt, dass meine Figur eine große Würde behält. Trotz der Erniedrigung. Das ist natürlich ein Verdienst des Regisseurs: "Das weiße Band" ist ein Meisterwerk, ein ganz wichtiger Film. Ich bin stolz, dass ich ein kleiner Teil davon sein konnte. Weil es nicht nur um Brutalität geht. Sondern auch um Geschichte, um deutsche Geschichte und darum, wie Menschen mutieren können. Die große Frage ist: Was macht einen Menschen zu dem, was er später ist und praktiziert? Was er unterstützt und ablehnt ...
teleschau: Haben Sie eine Vorstellung, wie diese Mechanismen funktionieren?
Lothar: Ich bin Jahrgang 1960 und fragte mich das immer, vor allem mit Blick auf den Fas

chismus. Die einzige Antwort bis jetzt bekam ich vom Regisseur Eberhard Fechner. Der hatte einen Dokumentarfilm gedreht, "Der Prozess", in dem der Majdanek-Prozess (Strafverfolgung von NS-Verbrechern im Konzentrationslager Lublin vor dem Landgericht Düsseldorf 1975-1981, Anm. d. Red.) aufgearbeitet wurde. Dieser Film hat mich sehr beeindruckt. Die zweite Antwort gab mir nun Michael Haneke.
teleschau: Bei Haneke spielen der protestantische Fundamentalismus und das rigide gesellschaftliche Korsett eine große Rolle. Sind wir davon heute befreit, oder kann sich so etwas wiederholen?
Lothar: Erstens weiß ich von meiner Großmutter, dass Kinder in der damaligen Zeit so erzogen wurden, wie Haneke es zeigt
1
·
2
·
3
·
4