Der Hofberichterstatter der "Tudors": Serien-Erfinder und -Drehbuchautor Michael Hirst über Geschichte, Wahrheit und Sex
Michael Hirst klatscht gerne über das englische Königshaus. Charles und Camilla, William und Kate, Harry und Chelsy? - Sie alle sind viel zu langweilig für den Hofberichterstatter der besonderen Art. Nach den beiden oscargekrönten Kinofilmen um "Elizabeth" (1998, 2007) wandte sich der Drehbuchautor und Produzent dem gar nicht keuschen Vater der "Virgin Queen" zu: Heinrich VIII. (1491-1547, gespielt von Jonathan Rhys Meyers) gilt noch heute als das wahre Enfant terrible der Royals und ist berüchtigt für seinen extremen Frauenverschleiß. Geschieden, geköpft, gestorben, geschieden, geköpft, überlebt: So lässt sich das Schicksal seiner sechs Ehefrauen in stark verkürzter Form zusammenfassen. Hirst schuf daraus eine opulent-frivole Fernsehserie mit viel Sex und Crime. Die dritte, wie immer höchst ereignisreiche Staffel der "Tudors" ist ab Winter bei ProSieben zu sehen. Doch trieben sie es tatsächlich so toll? "Klar", sagt Michael Hirst am Set in Irland bei den Dreharbeiten zur vierten und letzten Staffel. "Zu 80 Prozent!"
teleschau: Mr. Hirst, bei den "Tudors" geht es ganz schön zur Sache: Sex, Intrigen, Morde. Wie nahe bewegen Sie sich an der historischen Realität?
Michael Hirst: Ich denke, je extremer ich die

Geschichte darstelle, umso näher ist sie wahrscheinlich an der Realität. Andere historische Dramen im Fernsehen erschienen mir immer wie Fortsetzungen von Jane-Austen-Romanen.
teleschau: Was hielten die Verantwortlichen des US-Senders Showtime von ihrer sehr intensiven Interpretation der Ereignisse?
Hirst: Als sie das Drehbuch zum Pilotfilm gelesen hatten, sagten sie: "Michael, wir haben nur eine Frage an Dich: Stimmt irgendetwas davon?" Und ich sagte: "Um die 80 Prozent." Das sagen wir jetzt immer: Alles ist zu 80 Prozent wahr! (lacht)
teleschau: Wie weit darf künstlerische Freiheit Ihrer Meinung nach gehen?
Hirst: Ich würde Heinrich nicht zur Frau machen. (lacht) Aber im Ernst: Es gibt keine hundertprozenti

ge historische Wahrheit! Wir waren damals nicht vor Ort. Wir wissen gar nichts. Und die Berichte, die wir aus der Vergangenheit haben, sind für gewöhnlich einseitig oder subjektiv. Ich habe sehr viele Geschichtsbücher gelesen. Sie widersprechen sich fast alle. Also, wenn es eine einzig richtige Wahrheit gibt, warum können die Historiker sie dann nicht finden?
teleschau: Ein paar belegte Fakten wird es doch sicherlich geben ...
Hirst: Es gibt natürlich ein paar Fakten - wie sein Geburtsdatum oder die Anzahl seiner Frauen -, und sofern möglich, versuche ich auch, davon nicht abzuweichen. Aber es gibt sehr wenige dieser tatsächlichen Fakten. Auch Historiker erzählen eine Geschichte. Sie reflektieren ihre eigenen Vorurteile u

nd Befangenheiten, sie würden es nur nie zugeben. Zum Beispiel begrüßen die meisten hierzulande implizit die Reformation. Sie hinterfragen nicht die Zerstörung des katholischen Glaubens. Sie akzeptieren das einfach. England ist schließlich eine protestantische Kultur. Geschichte wird immer von den Gewinnern geschrieben!
teleschau: Auch wenn Ihre Version der Ereignisse polarisiert, Sie haben das geschafft, was vielen Lehrern und Historikern nicht gelang: Junge Leute interessieren sich plötzlich brennend für Geschichte ...
Hirst: Ja, die Kids fühlen sich von den "Tudors" inspiriert. Viele Geschichts- oder Englischlehrer schreiben mir das. Die Kinder - natürlich nicht zu junge (lacht) - diskutieren mit ihnen im Unterricht, was nun historische Wahrheit ist und was nicht. Und oft sagen sie, dass sie überrascht sind, dass so vieles davon wahr ist
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