Von Flussperlmuscheln und Franziskanermönchen: Andreas Kieling unterwegs "Mitten im wilden Deutschland"
Als Teenager flüchtete Andreas Kieling über die Tschechoslowakei in den Westen und wurde beim Durchschwimmen der Donau von den Kugeln der Grenzschützer getroffen. In Westdeutschland heuerte er als Seemann an, bevor er als Forstberater in China, Indien und Pakistan arbeitete. Heute ist der 49-Jährige einer der bekanntesten Tier- und Abenteuerfilmer Deutschlands. Er folgte den Spuren der Goldsucher am Yukon River in Alaska, filmte in Ostafrika, Südostasien und Tibet. Für "Mitten im wilden Deutschland" (ARTE, ab Mo., 26.10., werktags, 20.15 Uhr; ZDF, ab Mo., 02.11., werktags, 15.15 Uhr) wanderte er im Frühsommer entlang des "Grünen Bandes", also der innerdeutschen Grenze entlang - und traf bei seinen Erkundungen im größten Naturschutzgebiet der Republik nicht nur auf den Lurch und die Flussperlmuschel, sondern auch auf viele Menschen, die ihre ganz eigene Geschichte zu erzählen hatten.
teleschau: Das grüne Band - über was für eine Strecke reden wir da eigentlich?
Andreas Kieling: Insgesamt waren es etwa 1.500 Kilometer - eher etwas mehr. Eben die gesamte ehemalige innerdeutsc

he Grenze. Berlin haben wir aber nur zum Teil umwandert, da ist einfach nicht alles reizvoll. Es ging mir ohnehin nicht darum, stur Strecke zu machen.
teleschau: Was stand für Sie im Mittelpunkt?
Kieling: Das Interessante an der Reihe sind die ganzen Begegnungen, die ich habe - vor allem mit Menschen. Das hat mich am allermeisten berührt. Ich flüchtete als junger Mann aus der DDR und wurde an der Grenze angeschossen. Menschen kennenzulernen, die ein ganz ähnliches Schicksal hatten, berührte mich schon. Außerdem kommt man natürlich durch ganz unterschiedliche Landschaften mit sehr verschiedenen Kulturen. Das erkennt man immer an den Dialekten - wie schnell die sich änderten, war schon lustig. Zuletzt war schließlich der Mai de

r ideale Monat für so eine Reise. Alles erwachte, die Vögel fingen an zu balzen, Tiere bereiteten sich auf die Geburt vor.
teleschau: Wie wichtig ist bei so einem Projekt die richtige Vorbereitung?
Kieling: Der Weg, den wir gingen, ist ja kein Geheimnis. Theoretisch kaufst du dir ein Paar vernünftige Wanderschuhe, nimmst Karten mit und läufst los. In der Spontaneität liegt dabei ein großer Teil des Reizes. Du wirst auf dem Weg auf so viel Famoses, Interessantes, Außergewöhnliches, Berührendes stoßen - und das in der Mitte Deutschlands. Aber wenn du filmst, kannst du dich darauf nicht verlassen. Wir wussten natürlich oft schon, wen wir treffen. Wenn wir einen Ornithologen oder einen Insektenforscher als Gesprächspartner hatten

, war das vorrecherchiert. Auch wenn du mit Leuten sprechen möchtest, die bewegende Schicksale an der Grenze hatten, musst du das vorher abklären, die laufen dir ja nicht permanent über den Weg.
teleschau: Erzählen Sie uns von einer Begegnung ...
Kieling: Ich denke zum Beispiel an einen Mann aus der Rhön - der driftete mit seinem Sportflugzeug in die DDR ab und wurde dann von einem russischen Kampfhubschrauber zur Notlandung gezwungen. Er schmorte dann lange in Ostberlin im Gefängnis, bis er von der Bundesregierung freigekauft wurde. Das ist eine Geschichte, wenn die meine Kinder hören würden, die würden denken, das wäre in Vietnam passiert, aber doch nicht mitten in Deutschland!
teleschau: Was verbindet die unterschiedlichen Regionen an der ehemaligen Grenze?
Kieling: Es ist nicht das große, hektische, auf maximalen Gewinn orientierte Deutschland
1
·
2
·
3
·
4