Der "Tatort"-Koordinator: Ein Kultkrimi wird 700 Folgen alt ("Tatort: Todestrafe", 25.05., 20.15 Uhr, ARD)
(tsch) "Todesstrafe" heißt der erste "Tatort" der neuen Leipziger Ermittler Simone Thomalla und Martin Wuttke, der am Sonntag, 25. Mai, über den Bildschirm flimmert. Das Besondere: Mit diesem Film wird Deutschlands älteste und beliebteste Krimireihe runde 700 Folgen alt. Ein guter Grund, mit dem Mann zu sprechen, der im Hintergrund die Fäden zieht: Gebhard Henke, Fernsehspiel-Chef des WDR, trägt nebenbei die Berufsbezeichnung "Tatort-Koordinator". Ein Titel, mit dem der ehemalige Professor an der Kölner Kunsthochschule für Medien, wie er selbst sagt, vor seinen Kindern angeben kann. Im Interview spricht der Programmmacher über bewegte 38 Jahre mit dem ARD-Kultprodukt.
teleschau: Herr Henke, was genau tut eigentlich der "Tatort"-Koordinator?
Gebhard Henke: Zunächst einmal: Die "Tatorte" werden in großer Autonomie von den unterschiedlichen Landesrundfunkanstal

ten hergestellt. Seit dem Beginn der Reihe 1970 ist das ehernes Konzept. Ich bin also nicht der große Bruder, der alle Drehbücher liest oder Stoffe mitentwickelt. Ich koordiniere, wann welcher "Tatort" läuft oder welche Wiederholungen gezeigt werden. Vier- bis fünfmal im Jahr treffen sich die Fernsehspiel-Chefs der ARD-Sender, dann wird unter anderem Programmkritik geübt und natürlich auch immer über den "Tatort" gesprochen. 2007 hatten wir außerdem zwei Klausursitzungen, bei denen wir uns intensiver mit dem "Tatort" beschäftigt haben.
teleschau: Was wurde auf diesen "Tatort"-Klausursitzungen besprochen?
Henke: Wir redeten zum Beispiel über Aspekte der Regionalität - wie Dialekte eingesetzt werden. Aber auch darüber, wo die Grenzen des "Tatorts" li

egen. Ob man sich beispielsweise vom klassischen Ermittlerkrimi lösen darf. Wir hatten zwei Krimis von Thomas Stiller im Programm, die eine starke Thriller-Struktur aufwiesen: Da war Kommissar Max Ballauf alias Klaus J. Behrendt einmal selbst unter Druck, weil ein Täter Jagd auf ihn machte. Das war eine der möglichen Erweiterungen der klassischen "Tatort"-Struktur. So etwas reflektieren und bewerten wir.
teleschau: Ist der "Tatort" heute denn ein offeneres Genre als früher?
Henke: Ja und nein. Einige Dinge sind mittlerweile einfach ungeschriebenes Gesetz geworden, auf anderer Ebene hingegen wird heute mehr experimentiert. Mein Vorgänger, Gunter Witte, hat ja den "Tatort" erfunden. Zu seiner Zeit gab es einen straffen Regelkodex, an den sich jeder "

Tatort"- Produzent zu halten hatte. Regeln, die uns aus heutiger Sicht skurril, weil einfach selbstverständlich erscheinen. So wurde angemahnt, dass die Kommissare in der ersten Stunde aufzutauchen haben oder dass als "Tatort" kein Dokumentarfilm laufen darf. Anderseits gab es unter meinem Vorgänger auch noch Verbote, die heute nicht mehr gelten - zum Beispiel waren keine Rückblenden erlaubt. Heute jedoch haben sich die Erzählstrukturen im internationalen Krimi verändert. Über solche Trends müssen wir uns als "Tatort"-Verantwortliche natürlich Gedanken machen.
teleschau: Das klingt jetzt aber nicht so, als wollten Sie das Genre revolutionieren ...
Henke: Nein, wir sind erfolgreich mit dem Konzept "klassischer Ermittlerkrimi", und das soll auch grundsätzlich so bleiben
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