Die Sache mit der Endlichkeit: Im SWR-Talk "Nachtcafé" sprechen Hochbetagte und Junge über das "Lebensziel 100"

(tsch) Wahrscheinlich wird mancher eine Talkrunde mit einem rekordverdächtigen durchschnittlichen Gästealter von 71 Jahren pauschal als gestriges Geplauder abtun. Tatsächlich aber ist diese Ausgabe der SWR-Talkshow "Nachtcafé" beides zugleich: Die wohl "älteste" TV-Gesprächsrunde aller Zeiten und ein Blick in das Fernsehen der Zukunft, in dem sich analog zur Bevölkerungsentwicklung das Alter von Zielgruppen und Protagonisten drastisch nach oben korrigiert haben wird. "Lebensziel 100 - Wie alt wollen wir werden?" lautet der provozierende Titel der im Rahmen der ARD-Themenwoche "Mehr Zeit zu leben" am Freitag, 25.04., 22.00 Uhr, im SWR-Fernsehen ausgestrahlten Sendung. Als ob das Alter eine Frage des Wollens wäre! Und überhaupt: Wer will schon 100 werden?

"Ich nicht um jeden Preis", spricht Moderator Wieland Backes, Jahrgang 1946, wohl einem jeden aus der Seele, aber so lange die Gesundheit mitspielt, könne er an dem Gedanken nichts Schlechtes finden. - Der Traum vom langen Leben ist so alt wie die Menschheit selbst - und Wissenschaftler prophezeien eine rasant ansteigende Lebenserwartung. 90-Jährige, die Marathon laufen oder munter das Tanzbein schwingen, gehören heute fast zum Alltag.

Der Gastgeber, der die von Demografen prognostizierte "Altenrepublik" eher kritisch sieht, verteidigt das Motto seiner spannend besetzten Gesprächsrunde mit demografischen Fakten: "Als die Rentenversicherung eingeführt wurde, lag die Lebenserwartung 15 Jahre unter dem Rentenalter. - Heute liegt sie 20 Jahre darüber. Im Idealfall kann ein heute geborenes Mädchen 120 Jahre alt werden. Das muss man sich vor Augen halten, wenn man sich mit dem Altern der Gesellschaft befasst." Früher sei das Alter ein Ausklang gewesen, heute sei es zunehmend "eine Lebensphase, die noch gestaltet werden kann und gestaltet werden muss".

Dementsprechend wurde die Runde zusammengestellt. Die Bandbreite reicht vom 31-jährigen Banker Torsten Nahm, der sich einfrieren lassen will, bis zu Schriftstellerin Ilse Pohl, der mit 101 Jahren ältesten Aufsichtsratsvorsitzenden der Welt, die zum Thema Einfrieren sagt: alles, nur das nicht. Tenor der sich in der Überzahl befindlichen Alten: Man muss sein Leben leben und nicht auf irgendetwas anderes hoffen. Nur Carl Djerassi, ausgerechnet der Mann, der mit 28 Jahren die Anti-Babypille erfand und heute als 84-Jähriger Romane und Theaterstücke schreibt, schlägt in eine ähnliche Kerbe wie Nahm. Sein neuester Vorschlag: Junge Frauen sollten sich in jungen Jahren Eizellen einfrieren lassen und diese bei Bedarf im späteren Leben zur künstlichen Befruchtung heranziehen ...

Ein bisschen Science Fiction, gemixt mit metaphysischen und philosophischen Gedanken, aber nicht ohne wissenschaftliche Basis: So schön neid- und rentendebattenfrei wurde bislang noch nicht über das Älterwerden der Menschen in diesem Land getalkt. "Natürlich hat Torsten Nahm lebhafteste Diskussionen in der Sendung ausgelöst", berichtet Backes von der Aufzeichnung. Der Banker sei "ein intelligenter Bursche, der sich sagt: 'Ich will mal sehen, wie die Wissenschaft sich weiter entwickelt, und dann will ich auf jeden Fall die Option offen haben, aufgetaut zu werden und weiterzuleben." Die Frage, "ob das Leben überhaupt lebenswert wäre, in einer Welt, in der man keinen mehr kennt und in der sich die Zivilisation schon wahnsinnig weiterentwickelt hat", wird dem pfiffigen Banker in der Sendung entgegengeschleudert

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