Viele Kinder durften länger aufbleiben, um "Roots" (Schluss war um 21 Uhr) gemeinsam mit den Eltern zu sehen und vom Fernsehsessel aus schreckliche Szenen von Sklavenauktionen, Vergewaltigungen und schlimmsten Misshandlungen mitzuerleben.
Der wohl eindringlichste Moment, als Kunta Kinte (John Amos und als Jugendlicher: LeVar Burton) nach einem Fluchtversuch von grausamen Sklavenjägern der Fuß amputiert wird, hat sich in wer weiß wie vielen Köpfen auf dieser Welt festgesetzt. Schon ward in Deutschland eine Debatte darüber angestrengt, wie explizit die Gewaltdarstellung zur Primetime denn sein darf. "Roots" ging damals gerade noch durch. Aber wer weiß, ob die Medienwächter heute eine derart schonungslose neue Serie überhaupt goutieren würden. Zur besten Sendezeit gibt's heute vieles - aber Auspeitschungen, auf dass sich das Fleisch vom Körper des Gepeinigten schält, wären kaum denkbar.
Welch ein Glück, dass die Ausstrahlung von "Roots" damals genehmigt wurde. Denn, so preist ARTE die am Sonntag, 1. Juni, 20.40 Uhr, mit einer Doppelfolge beginnende Ausstrahlung sehr treffend an, "erstmals zeigte sie die Sklaven als verstandesbegabte und fühlende Wesen, und nicht einfach als Opfer und abstrakte Beispiele für Unterdrückung". Und mit der heutigen deutschen Gesellschaft hat diese Geschichte dann doch gar nicht einmal so wenig zu tun. Die authentische Story des Sklavenjungen Kunta Kinte beginnt in Gambia, einem der Hauptumschlagsplätze des Sklavenhandels. - Die Westküste des "Schwarzen Kontinents" ist heute eine der gerade unter deutschen Touristen gefragtesten Tourismusregionen Afrikas. Nur in den Senegal reisen mehr deutsche Afrika-Touristen. In die Schlagzeilen gerät Gambia immer wieder im Zusammenhang mit dem Sextourismus - die so genannten "Bumster" versuchen sich auf charmante bis sehr aufdringliche Weise als Reisebegleiter anzupreisen. Das dunkle Kapitel der Sklaverei spielt bei den nach Sonne, Sand, Safari und mitunter auch Sex trachtenden Touristen freilich kaum eine Rolle.
Wie viele Afrikaner vom 16. bis 19. Jahrhundert versklavt wurden, ist umstritten. Die Schätzungen schwanken zwischen 15 und 60 Millionen. Der kleine Ort Juffure am Gambia-Fluss, inklusive eines Sklaven-Museums längst eine Größe im Afrika-Tourismus, ist die Heimat Kunta Kintes. Aus dem Dorf selbst sollen etwa 600 Menschen im Laufe der Jahrhunderte versklavt worden sein. Kinte gehört zu den wenigen Überlebenden.
Er wurde im Jahr 1767 als 17-jähriger beim Holzsammeln zusammen mit dem Mädchen Fanta im Wald von Sklavenjägern überfallen, in Ketten gelegt, unter unvorstellen Bedingungen über den Atlantik nach Amerika deportiert und an einen Südstaatenfarmer verkauft
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