Als Hinz und Kunz auf Kunta Kinte traf: 30 Jahre "Roots": ARTE erinnert zum Themenschwerpunkt "Freedom" an die Serie

(tsch) Gewiss, das Bildungsdeutschland der 70-er kannte Malcolm X und Martin Luther King, wusste wenigstens in groben Zügen über die Hintergründe des amerikanischen Bürgerkriegs Bescheid. Doch wenn hierzulande überhaupt eine Debatte über Rassismus und Diskriminierung in Übersee geführt wurde, blieb diese zwangsläufig abstrakt. Ein Gesicht hatten Menschenhandel, Sklaverei und die Wurzeln US-amerikanischer Rassenpolitik damals nicht - abgesehen von den raren und eher eindimensionalen Darstellungen, die Film und Fernsehen in Form von "Onkel Tom's Hütte" oder Tom Sawyer und Huckleberry Finn zur Historie der Afroamerikaner beitrugen. Ein bisschen Abenteuer mit Tränendrüsenpathos, das war's. Bis vor 30 Jahren eine Fernsehserie alles änderte. "Roots", die große Familiensaga nach dem gleichnamigen Roman von Alex Haley, zeigte schonungslos schwarzes Leid und schwarze Geschichte und, das war neu, auch schwarze Helden. Sie rührte die Herzen und rückte die hässlichen Worte "Nigger" und "Massa" erstmals in unser Wohlstands-Bewusstsein. ARTE wiederholt nun im Rahmen des Themenschwerpunkts "Freedom" (1. Juni bis 11. Juli) die zwölf Folgen der legendären Serie, die im Frühjahr 1978 bei der Erstausstrahlung in Deutschland die Gassen leerfegte.

Hatte die Nachkriegs- und Wirtschaftswunder-BRD nicht auch ganz andere Dinge auf der Agenda? Da waren Kalter Krieg, die 68er-Nachwehen, Drogen, Rock'n'Roll und auch die Gastarbeiterproblematik ... - und natürlich galt es, '78 in Argentinien den WM-Titel zu verteidigen. Dunkelhäutige Musiker mögen in der Popszene Einzug gehalten, aber im US-Fernsehen? Da war "Bonanza" weit vorne, und, so politisch-korrekt die Cartwrights (Ponderosa-Boss Ben alias Lorne Greene hat in "Roots" eine Nebenrolle) auch waren, da gab's nur Zweierlei: schwarze Verbrecher oder schwarze Opfer. Randfiguren allemal.

Man wollte ja nur ein bisschen unterhalten werden - gerne auch von Hollywood-Crime und weißen Siegertypen wie dem New York-Cop Kojak, Detective Jim Rockford oder Lt. Mike Stone und Inspektor Keller, die auf den Straßen von San Francisco aufräumten - vornehmlich unter afroamerikanischen Dealern. Sicher wartete damals kein Mensch auf eine US-amerikanische Historienserie über die Sklaverei im 18. und 19. Jahrhundert.

Doch schon die Schlagzeilen, die im Zuge der amerikanischen TV-Premiere 1977 von "Roots" kündeten, ließen ein Fernsehereignis erahnen, das in den USA fast epochale Züge annahm - so heftig waren in den Staaten sowohl die Resonanz als auch die ausgelöste Debatte. Der amerikanische Durchschnittspatriot dürfte sich mit der Serie ebenso wenig wohlgefühlt haben wie mit den ebenfalls in den 70er-Jahren aufkommenden realitätsnahen Abhandlungen zur Geschichte der Indianer. Die Wildwest-Romantik hatte fertig, nun durfte es auch gegen die Verklärung des good old Southern Style in Dixieland gehen.

Haleys Roman (im Original: "Roots: The Saga of an American Family") war erst ein Jahr zuvor erschienen. Das Unerhörte an dem Bestseller, der dem Schriftseller den Pulitzer Preis bescherte: Indem er als erster schwarzer amerikanischer Autor anhand der wahren Figur Kunta Kinte seine Abstammung bis zu den Wurzeln zurückverfolgte, erzählte er zugleich den 25 Millionen schwarzen Amerikanern die Geschichte ihrer Herkunft. Den Afroamerikanern gab er ein Stück ihrer Identität wieder, dem Rest öffnete er die Augen für eines der düstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Aber erst durch die Bildgewalt des Fernsehens, durch die Wucht der internationalen Ausstrahlung, erhielt "Roots" die Relevanz und Emphase eines bis heute nachhallenden Exempels fiktionaler Geschichtsaufarbeitung. Wer heute um die 40 Jahre alt ist, wird sich mit Sicherheit an so manchen dieser Serie geschuldeten Albtraum erinnern

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