Dietrich Hollinderbäumer: Europa als Zuhause
(tsch) Ein Gespräch mit Dietrich Hollinderbäumer wirft vor allem eine Frage auf: Wieso zählt der 66-Jährige nicht zu den bekanntesten und renommiertesten Schauspielern Deutschlands, zu den absoluten Stars der Branche? Schließlich erlernte er sein Handwerk am Königlich Dramatischen Theater in Stockholm unter Regisseuren wie Ingmar Bergman und stellt seit Jahrzehnten immer wieder in spannenden Rollen seine Wandelbarkeit unter Beweis. Zuletzt war er an der Seite von Hannah Herzsprung im Drama "Vier Minuten" im Kino und in der Sitcom "Pastewka" (Sat.1) als resoluter Vater von Bastian Pastewka im Fernsehen zu sehen. "Ich achte nicht darauf, möglichst viele Hauptrollen zu ergattern. Mir ist es wichtig, vielseitig zu arbeiten. Vielleicht wäre ich berühmter, wenn ich mich auf einen bestimmten Typus festgelegt hätte", versucht sich Hollinderbäumer an einer Erklärung. In "Annas Geheimnis" (Fr., 02.05., 20.15 Uhr, ARD) ist er nun als Apfelbauer Christian Ingstrup zu sehen, der mit einer Lebenslüge seiner Frau konfrontiert wird.
"Ich werde auf der Straße erkannt und bin den Blicken der Leute durchaus ausgesetzt. Allerdings können mich die meisten nicht einordnen. Einmal hat mich jemand gefragt, ob ich nicht hinter der Fleisch

ertheke in der Supermarktfiliale in Wanne-Eickel stehe." Dass Dietrich Hollinderbäumer auf viele Menschen so vertraut wirkt, ist seinem uneigennützigen Spiel zuzuschreiben. Die Selbstverständlichkeit, mit der er in Rollen schlüpft, die Natürlichkeit, die er in den unterschiedlichsten Charakteren ausstrahlt, fällt auch bei "Annas Geheimnis" auf. Als Christian Ingstrup erfährt, dass seine Frau (Jutta Speidel) vor Jahrzehnten mit einem anderen Mann ein Kind hatte, dies aber zur Adoption freigab, bricht für den kinderlosen Landwirt eine Welt zusammen. Dietrich Hollinderbäumer schafft das Kunststück, die große Gekränktheit der Figur offenzulegen und gleichzeitig dem Zuschauer glaubhaft zu vermitteln, wieso Ingstrup am Ende verzeihen kann. "Wenn ich eine Rolle spiele, versuche ich, sie in irgen

deiner Weise an mich heranzuholen, nach Parallelen zu suchen. Bei diesem Charakter war das eine langwierige Angelegenheit."
So kann Dietrich Hollinderbäumer, selbst zweifacher Vater, nachvollziehen, dass sich Christian Ingstrup als kinderloser Mann unvollkommen fühlt. Allerdings sei er, im Gegensatz zu seiner Rolle, kein Kontrollfreak, betont der 1942 in Essen geborene Darsteller. "Ich kann gut delegieren, muss nicht immer präsent sein. Als ich früher am Theater als Regisseur arbeitete, kümmerte ich mich auch nicht um jede Klorolle", erzählt er lachend. Hollinderbäumer hat die Lust am Spiel nie verloren und denkt nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen. "Natürlich habe ich Phasen, in denen ich denke: 'Wozu das alles noch?' Doch da schlafe ich drüber, und der Gedanke ist am nächsten Mo

rgen schon weit weg. Ich könnte nicht so einfach aufhören zu arbeiten."
Stillstand kommt für Dietrich Hollinderbäumer nicht in Frage. Er war schon immer ein rastloser Mensch. Als Kind emigrierte er einst mit seiner Mutter nach Schweden. Noch heute ist er schwedischer Staatsbürger. 15 Jahre lang lebte Hollinderbäumer in Wien. Er spielte am Burgtheater, am Theater in der Josephstadt, am Volkstheater, ging später nach Zürich, Bremen und Heidelberg. Mittlerweile lebt er auf Mallorca. Seine Frau hat dort ein Haus geerbt, das der Familie schon seit Jahrzehnten zur Verfügung steht. "Früher, als ich am Theater nicht viel Geld verdiente, waren die Reisen auf die Insel einfach eine preisgünstige Möglichkeit, zusammen in den Urlaub zu fahren", erinnert sich Hollinderbäumer
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