Norah Jones: "Man hätte mich als Schlampe abstempeln können"

2002 gelang der jungen, scheuen Jazz-Pianistin Norah Jones einer der unerwartetsten Coups der Musikgeschichte. Ihr Debütalbum "Come Away With Me" verkaufte sich 20 Millionen Mal und prägte nebenbei ein neues Genre: Junge Frauen singen erfolgreich Jazz-Pop für ein vorwiegend erwachsenes Publikum. Der Erfolgstrip für die New Yorkerin mit dem braven Image des netten Mädchens von nebenan ging weiter. Beide Nachfolgealben erreichten 2004 und 2007 wie das Debüt Platz eins der US-Charts. Auch in Deutschland standen Norah-Jones-Alben stets an der Spitze der Charts. Klar, dass nun auch ihr neuestes Werk "The Fall" von verzweifelten Erfolgserwartungen einer gebeutelten Tonträger-Branche begleitet wird. Dennoch will sich die 30 Jahre alte Songwriterin, die sich im letzten Jahr von ihrem langjährigen Lebensgefährten und Bassisten trennte, ab sofort "aus ihrer Wohlfühlzone" herauswagen.

teleschau: Ihr neues Album heißt "The Fall". Steckt hinter diesem Titel ein Konzept?

Norah Jones: Textlich gibt es eine Verbindung zu einer Reihe von Songs - in Richtung beider Wortbedeutungen: "Fall" wie "Herbst" und "Fall" wie "fallen". Am meisten mag ich den Titel des Albums allerdings wegen dieser Mehrdeutigkeit.

teleschau: Von welchen Themen singen Sie?

Jones: Das müssen Sie sich anhören und selbst herausfinden! (lacht)

teleschau: Sie möchten also nicht darüber reden, wovon Sie singen?

Jones: Das Großartige am Songwriting und überhaupt an der Liebe zur Musik ist, dass jeder seine eigene Interpretation mitbringt. Wenn man sich meine Songs anhört, liegt ihre Bedeutung eigentlich auf der Hand. Trotzdem möchte ich niemandens Interpretation meiner Lieder zerstören, auch wenn sie sich von meiner unterscheidet. Ist es nicht wunderbar, dass jeder Mensch Lieder zu sich selbst in Beziehung setzt?

teleschau: Beim Lesen der Texte hatte ich den Eindruck, dass eine ganze Reihe Songs von der Angst einer jungen Frau vor dem Verlieben handeln. Liege ich richtig?

Jones: Sehen Sie, das ist nicht meine Interpretation - aber ich möchte Ihre nicht zerstören. Was immer Sie denken, es ist okay für mich.

teleschau: Sind Sie jemand, bei dem Liebe sehr stark über den Kopf funktioniert? Haben Sie Angst davor, jemanden zu dicht an sich heranzulassen?

Jones: Nicht unbedingt. Es gibt Zeiten im Leben, da hat man höhere Mauern um sich herum aufgebaut als sonst. Aber ich fürchte mich nicht vor Beziehungen - vor keiner Art von Beziehung. Beziehungen sind doch überaus menschlich - und vor allem machen sie das Leben schön.

teleschau: Der Sound Ihres neuen Albums unterscheidet sich von dem Ihrer bisherigen Platten. Sie haben einen neuen Produzenten, Sie spielen viel Gitarre statt Klavier. Wünschen Sie sich, mehr Rock'n'Roll zu sein?

Jones: Nein, ich wollte nur etwas anderes probieren. Ich will nicht einen auf Rock machen, ich experimentiere mit einigen neuen Sounds. Tatsächlich habe ich in letzter Zeit mehr Gitarre gespielt. Es macht Spaß, das Kabel in einen Verstärker zu stecken, alles aufzudrehen und mit den Sounds herumzuspielen. Die Gitarre setzt mir Grenzen, denn ich kann sie nicht besonders gut spielen. Ich beherrsche ihre Sprache nicht so gut wie die des Klaviers. Aber gerade das macht Spaß - wenn man die Dinge auf das Wesentliche reduziert.

teleschau: Verfolgen Sie musikalisch ein neues Konzept? Sie haben den Produzenten gewechselt und arbeiten nun mit jemandem zusammen, der bekannt ist für seine Platten mit Rockbands und die Arbeit mit Tom Waits

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