Martin Wuttke: Mehr Biss, bitte!
Einen Mann vom Kaliber Martin Wuttkes zum Leipziger "Tatort" zu holen, war nicht nur ein Wagnis, sondern auch ein Glücksgriff. Das neue Ermittlerteam aus Simone Thomalla und dem mehrfach preisgekrönten Theaterschauspieler, der kurzzeitig auch schon Intendant am Berliner Ensemble war, hat sich gut eingespielt - und die Quoten stimmen. Dennoch ist Wuttke (47) ein Unruhefaktor im aalglatten Betrieb der ARD-Unterhaltung. Verständnis für die für Außenstehende meist recht befremdlich zähen Arbeitsabläufe in den Sendeanstalten kann man bei einem Energiebündel wie dem Quentin-Tarantino-Star (Hitler-Darsteller im Film "Inglourious Basterds") nicht erwarten. Im Interview fordert Wuttke, der im "Tatort: Falsches Leben" (So., 06.12., ARD, 20.15 Uhr) zum sechsten Mal in der Rolle des Kommissars zu sehen ist, mehr Freiheit für den von ihm mit entwickelten Ermittler Keppler.
teleschau: Herr Wuttke, Sie sind demnächst bereits in Ihrem sechsten "Tatort" aus Leipzig zu sehen. Passt Ihnen die Rolle schon wie ein Lieblingsanzug, den man gut eingetragen hat?
Martin Wuttk

e: Der Anzug passt schon, aber die Arbeit ist ja eher immer ein Kampf um Bücher und die Frage, wie man eine eingeführte Konstellation weiterführt und vertieft. Was diese Fragen betrifft, fühle ich mich noch nicht so wohl.
teleschau: Heißt das, die Rolle legt Ihnen noch Beschränkungen auf und Ihnen schwebt ein anderer Kommissar Keppler vor?
Wuttke: Ich könnte mir ganz andere Stoffe vorstellen, in die man diese Type da reinführt. Keppler ist angelegt als eine Figur, die man über die Situationen, in der man ihr begegnet, kennenlernt. Die letzten Filme, die wir gemacht haben, brachten für Keppler ziemlich konventionelle Ermittlungsarbeit mit sich. Ich könnte mir Fälle vorstellen, in denen man sieht, wie Keppler aus der Reserve gelockt wird oder Fehler macht und unsicher wird.
teleschau

: Klingt wirklich so, als wären Sie mit den Drehbüchern unzufrieden.
Wuttke: Die Entscheidungsprozesse im Fernsehen sind viel langwieriger als im Theater. Ich bin noch nicht gewöhnt, die Geduld aufzubringen, die dafür offensichtlich notwendig ist. So fällt mir das Arbeiten manchmal schwer.
teleschau: Gehen die Stoffe beim Fernsehen durch zu viele Hände und werden so lange abgeschliffen, bis die Kanten fehlen?
Wuttke: Das weiß ich nicht. Dafür kenne ich die internen Abläufe beim Fernsehen nicht gut genug. Ich kann nicht beurteilen, warum die Bücher so konventionell sind. Allein die Zeitspannen, die notwendig sind, um ein Buch zu modifizieren, sind mir unbegreiflich. Wenn wir beim Theater so langsam arbeiteten wie beim Fernsehen, dann gäbe es keine Theateraufführungen.
teleschau:

Die "Tatort"-Reihe rühmt sich ja, etwas Besonderes zu sein und auch aktuelle gesellschaftliche Strömungen in vermeintlich brisanten Fällen aufzugreifen. Haben Sie sich mehr erwartet?
Wuttke: Ich habe da wohl eine andere Weltwahrnehmung. Der "Tatort" bildet nicht ab, was in unserem Land passiert. Das Verhältnis ist eher anders: Man kann an den Filmen sehen, womit sich die Leute in unserem Land beschäftigen wollen. Und auf welche Weise man sich mit bestimmten Themen beschäftigen will. Wie wir uns einen gesellschaftlichen Zusammenhang erzählen wollen.
teleschau: Ihr neuester "Tatort: Falsches Leben" greift die Unsicherheit im Umgang mit der Geschichte auf - 20 Jahre nach dem Mauerfall
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