Eine Generation von Getriebenen: Das Dokumdrama "Hungerwinter" (So. 27.12., 21.45 Uhr, ARD) erzählt aus den härtesten Nachkriegstagen

"Es gibt das große Schweigen über den Zweiten Weltkrieg und das große Schweigen über den Winter 46/47." Filmemacher Gordian Maugg, von dem dieses Zitat stammt, legt mit seinem 90 Minuten langen Dokudrama "Hungerwinter" (So. 27.12., 21.45 Uhr, ARD) den Finger in eine deutsche Wunde, deren Offenbarung den Betroffenen fast schwerer fällt, als die Schilderung von Bombennächten, Tod und Zerstörung.

Hunger schmerzt und ist würdelos. Hunger macht einen schlechten Menschen aus dir - so das Fazit einiger Betroffener. "Wir sind ehrlich erzogen worden", erzählt einer der Film-Protagonisten. "Wegen des Hungers fingen wir an zu lügen und zu klauen. Wir wurden zu einer Bande von Dieben." Anhand von sechs Schicksalen erzählen Regisseur Maugg und sein Drehbuchpartner Alexander Häusser in ihrem emotionalen und doch immer respektvollen Dokudrama von einer bisher kaum thematisierten humanitären Katastrophe im zerstörten Deutschland. Zwischen 100.000 und 400.000 Menschen, so die mit einer hohen Dunkelziffer behaftete Schätzung, kamen in jenem Winter durch Mangelernährung ums Leben.

Die Kälte kam in drei Wellen und blieb ungewöhnlich lange. Bereits im November 1946 sanken die Temperaturen im zerstörten Deutschland auf unter null Grad Celsius. Später dann wurden es bis zu minus 30 Grad. Der Rhein fror auf 60 Kilometer zu, die Elbe war ebenfalls eine durchgängige Eisfläche. Lebenswichtige Adern für den Transport von Nahrungsmitteln und Kohle kamen zum Erliegen. Etwa 20 Millionen Menschen lebten in kaum beheizbaren Ruinen, zehn Millionen Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten mussten untergebracht werden. Allein Schleswig-Holstein nahm so viele von ihnen auf, dass sich die Einwohnerzahl des kleinen Landes vorübergehend verdoppelte. Lebensmittel gab es offiziell nur gegen Marken. In Städten wie Köln war man froh, wenn man mithilfe der Essensgutscheine auf 1.000 Kalorien am Tag kam.

Wie fängt man das Hungern im Film ein, und will das überhaupt jemand sehen? Patricia Schlesinger, Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation beim NDR, ist der Meinung, "dass wir in den letzten Jahren vielleicht etwas zu viel Dokudrama gemacht haben, sich dieses Format aber für bestimmte Themen nach wie vor anbietet. Dann nämlich, wenn die Archivlage in puncto Bilder eher dünn ist und wir einen historischen Stoff für ein jüngeres Publikum erzählen wollen."

Tatsächlich geht es in "Hungerwinter" nur am Rande um Politik. Etwa dann, wenn von der mangelnden Koordination der alliierten Besatzungszonen bei der Bekämpfung der Hungerkatastrophe die Rede ist. Ob die hohe Zahl von Toten überhaupt zu verhindern gewesen wäre, darüber streiten bis heute die Historiker.

Die Geschichte jenes Winters erzählt sich über sechs Protagonisten, welche die produzierenden Sender NDR und WDR aus etwa 1.400 Zeitzeugen herausfilterten. Die meldeten sich auf geschaltete Anzeigen. "Mit etwa 600 von ihnen führten wir längere Telefonate", berichtet die Produzentin Simone Baumann

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