Ins Netz gegangen: Von Fusionsversuchen und schrägen Online-Coups

(tsch) "Eine riesige Flutwelle spült dich von Bord deines Schiffes ans Ufer einer einsamen Insel. Willst du vorerst am Strand bleiben oder dich ins Innere des Eilands begeben?" Als der Schriftsteller Edward Packard 1976 den ersten Teil seiner Kinderbuch-Reihe "Choose Your Own Adventure" veröffentlichte, die deutsche Grundschüler wohl am ehesten in Form der "Insel der 1.000 Gefahren" kennen, kam niemand auf die Idee, eine Revolution des Büchermarktes auszurufen oder sich so einen Quatsch wie "Buch 2.0" auszudenken. Heute ist das ein wenig anders. Am 1. September startet die ProSiebenSat.1-Gruppe mit großem Tamtam eine interaktive Comedy-Serie im Netz und preist das Ganze als wichtigen Schritt in die Zukunft des Fernsehens an. Das mag zwar etwas übertrieben sein, zielt aber in die richtige Richtung ...

Selbes Prinzip, anderes Medium: Bei "Check It Out", so der Name der Produktion, mit der die Sendergruppe weitere Erfahrungen mit neuen Erzählformen und digitalen Vertriebswegen sammeln will, entscheidet der User über den Fortgang der Handlung. Der Ausgangspunkt: Die Freunde Nick (Daniel Zillmann, "Schwere Jungs") und Rudi (Nic Romm, einer der Gewinner aus Bullys Casting-Show "Wickie und die starken Männer") wollen unbedingt einen Plattenvertrag. Doch vor dem wichtigen Auftritt geht der Verstärker kaputt. Was tun? Knapp drei Minuten dauert es, bis die ersten Weichen gestellt werden wollen: Nicks Vater (Armin Dillenberger) anpumpen? Oder, wie Rudi es vorschlägt, ein krummes Ding drehen? Wer stets die richtige Wahl zwischen "Treue und Egoismus, Sicherheit und Risiko, Skrupellosigkeit und wahrer Liebe" trifft, wird irgendwann mit einem Happy End belohnt. Alle anderen bekommen eines von zehn alternativen Enden geboten.

Eine Woche lang wird ProSieben ab 1. September täglich neue Kurz-Episoden auf der Internet-Seite www.checkitout.prosieben.de veröffentlichen, den Besuchern aber bereits ab 9. August die Möglichkeit bieten, in einem Blog Ideen für den Fortgang der Geschichte zu liefern. Auswirkungen dürfte das jedoch keine haben, wurden alle 27 Folgen von je drei Minuten Länge doch schon abgedreht. Und das mit durchaus prominenter Besetzung: Neben Zillmann und Romm standen auch Martin Semmelrogge und "Tatort"-Kommissar Dominic Raacke sowie die Band 4Lyn für das Projekt vor der Kamera. Wer's verpasst, muss sich nicht ärgern: Die Clips werden auch auf den ProSieben-Plattformen MyVideo.de und Lokalisten.de verfügbar sein. Darüber hinaus erscheint eine entscheidungsfreie Video-on-Demand-Version auf Maxdome und eine 120-minütige Langversion auf DVD.

Auch bei RTL II hat man die Zeichen der Zeit erkannt und bietet dem jungen Publikum neue Anreize. Ab 1. September strahlt der Münchner Sender werktags um 15.30 Uhr die halbstündige Show "My Pokito" aus, in der möglichst hip darüber diskutiert wird, welche Games gerade angesagt sind, was die Jungs von Tokio Hotel im Moment so treiben und welche Klamotten demnächst ein Must-Have sind. "Interaktivität" spielt auch hier eine große Rolle. Wer will, kann mit den Moderatoren live chatten und mailen - und am Ende der TV-Show einfach vor dem Rechner bleiben. Im Netz wird noch zehn bis 15 Minuten weiter gesendet ...

Dennoch steht Deutschland wohl erst am Anfang der Fusion der beiden Medien Fernsehen und Internet

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