Die Militanz der Gosse: Ein Box-Set archiviert den Nachlass der Pogues

(tsch) Wer denkt, mit der fortschreitenden Verdrängung physischer Datenträger sei zugleich das Ende der archivarischen Kultur eingeläutet, sollte einen Blick auf die allwöchentliche Veröffentlichungsflut aus dem Marktsegment "Oldies & Reissues" werfen. Als gäbe es kein Morgen, werden die Schubladen und Leichenkeller jeder leidlich produktiven Band aufgespürt und auf verschwenderisch gestalteten Box-Sets gebannt. Jüngster Gegenstand pophistorischen Konservierungswahns ist die Londoner Folk-Band The Pogues, deren Blütezeit die 80er-Jahre waren. "Just Look Them Straight In The Eye And Say ... Poguemahone!" enthält ausschließlich unveröffentlichtes Material der British-Folk-Pioniere: Demos, Outtakes, Radio-Edits, Bootlegs, Remixe, Alternativversionen - was immer das sehnsüchtige Sammlerherz begehrt.

109 Tracks, um es zu beziffern, haben auf fünf CDs Platz gefunden, die umfangreich bebildert und mit launigen Liner-Notes des langjährigen Gitarristen Phil Chevron versehen sind. Inwieweit solch ausufernde Huldigungen dem Status der Band gerecht werden, darf natürlich hinterfragt werden. Vielleicht sind die Pogues bei Betrachtung ihres sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckenden Werks keine wirklich große Band. Aber sie sind ganz sicher das, was man eine Institution nennt. Eine Band mithin, die sich nie alleine über die Musik definierte, sondern zuerst über die Haltung. "Pogue mahone!", jener Schlachtruf, der dem Bandnamen zugrunde liegt, heißt übersetzt nichts anderes als "Küss meinen Arsch!" - und verrät damit schon einiges über das Selbstverständnis dieser außergewöhnlichen und klassenbewussten Formation.

Wenn nach den besonderen Errungenschaften der Pogues gefragt ist, dann wird man ihnen stets zugutehalten, dass sie den britischen Folk vom muffigen Flair der Altherren-Pubs befreit haben. Bemessen an ihrer Attitüde waren die Londoner Punks. 1984 gingen sie somit nicht unpassend mit The Clash auf Tour - jener Brit-Punk-Legende um Joe Strummer, dessen Wurzeln umgekehrt im Pub-Rock liegen und der einige Jahre später sogar kurz als Pogues-Sänger aushalf. Auf dem Box-Set finden sich mit "London Calling" und "I Fought The Law" wunderbar aufgehende Clash-Cover, die die Verwandtschaft der Londoner Bands gut deutlich machen. Auch die sehr schönen Outtakes aus dem "Sid And Nancy"-Soundtrack weisen in diese Richtung.

Die gemeinsame Tour mit dem prominenten Nachbarn brachte den Pogues jedenfalls den ersten Plattenvertrag beim Madness-Label Stiff Records ein, ihr Debüt-Album "Red Roses For Me" erschien noch 1984. Ein Jahr darauf, beim Nachfolger "Rum Sodomy And The Lash" produzierte niemand Geringeres als Elvis Costello, der wenig später Sängerin und Bassistin Cait O'Riordan heiratete. Das Jahr 1988 brachte den Wechsel zum größeren Island-Label und mit dem Album "If I Should Fall From Grace With God" den kommerziellen Höhe- und Wendepunkt.

Sänger Shane MacGowan, in seiner vollendeten Hässlichkeit, vor allem aber aufgrund seiner kaum mehr kompensierbaren Alkohol- und Drogeneskapaden eine Art Vorläufer Pete Dohertys, musste die Band nach zähem Niedergang 1991 verlassen und gründete trotzköpfig die Konkurrenzformation The Popes. Ohne den charismatischen Tunichtgut ging es jedoch umso steiler bergab. Nach zwei kommerziellen Flops in den 90-ern - "Waiting For Herb" (1993) und "Pogue Mahone" (1996) - beschloss man 1996 die Trennung nach 14 Jahren Bandbestehen

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