Kuriositäten aus dem Herz der Popkultur: David Gedge über Hollywood, The Wedding Present und die Sache mit Mike Tyson

(tsch) Über 40 Jahre hat David Gedge in der Industriemetropole Leeds zugebracht. Von diesem traditionsreichen, aber wenig glamourösen Ort aus hat er in der 80-ern mit seiner Band The Wedding Present den Indie-Rock mit aus der Taufe gehoben, um einige Jahre später unter dem Label Cinerama eklektische Easy-Listening-Platten zu veröffentlichen. Doch die Trennung von Langzeitfreundin Sally Murell ließ die treue Seele in die Ferne schweifen. Die großartige, zynische Trennungsplatte "Take Fountain" - zugleich die Wiederbelebung der eingemotteten The Wedding Present - wurde 2005 in Seattle eingespielt. Der neuen Freundin wegen. Und die Luftveränderung tat ihm offenbar gut. "Mir dämmerte, dass ich überall in der Welt zurechtkomme, wenn ich meine Gitarre, ein Stück Papier und einen Stift dabei habe", witzelt Gedge gewohnt launig und selbstironisch. Das Fernweh hielt an. Inzwischen wohnt der große Feingeist des Indie-Rock in West-Hollywood, einem Ort, der unpassender und doch inspirierender kaum sein könnte.

Von den originellen Blüten, die der Umzug in die Filmmetropole trieb, zeugt das jüngste Wedding-Present-Album "El Rey", dessen Songs Gedge eben dort schrieb. Erstmals seit dem gewaltigen "Seamonsters" von 1991 wurde Steve Albini wieder mit der Produktion ein ganzen Gedge-Albums betraut. Den Independent- und Hardcore-Guru rühmt Gedge ausdrücklich für sein großartiges Studioequipment sowie sein technisches Know-how und Geschick. Bemerkt aber auch: "Wir wollten nicht 'Seamonsters: Part 2' aufnehmen. Das hatten wir ja schon. Aber letztlich klingt 'El Rey' überhaupt nicht nach 'Seamonsters', sondern vollkommen anders. Es ist poppiger geworden."

Womit er recht hat. Das Besondere an "El Rey" ist somit auch gar nicht die Wiederbeschäftigung der Produzentenlegende, sondern eher schon der wiedergefundene Humor. Songtitel wie "Don't Take Me Home Until I'm Drunk" und "The Thing I Like Best About Him Is Girlfriend" weisen bereits in eine unmissverständliche Richtung. Gedge stimmt dem zu: "Die letzte Platte ist eher traurig und sehr persönlich geworden - fast wie ein Tagebuch. Diesmal hatte ich wieder mehr Raum, meine Fantasie auszubreiten."

Und der Input könnte für den bekennenden Film- und Comic-Fan kaum größer sein als im neuen Wahldomizil. "Dieser Ort ist wirklich seltsam, vergleichbar mit einem riesigen Cartoon. Als ich gerade angekommen war, mochte ich ihn nicht besonders. Hier spült es Schauspieler, Models und Menschen aus der Rock-Industrie her: Das ist eine ziemlich Ich-bezogene Gesellschaft." Dennoch habe Los Angeles auch seine schönen Seiten. "Ich finde es sehr spannend, im Herz der Popkultur zu leben. Es ist sehr surreal." Wo sonst läuft man schon im Café Mike Tyson über den Weg? Die Anekdote über den berüchtigten Boxrüpel gibt Gedge mit ansteckendem Amüsement zum Besten: "Ich habe einer überaus attraktiven Frau mit einem sehr kurzen Rock auf die Beine geguckt. Erst dann habe ich wahrgenommen, dass die Person neben ihr Mike Tyson war. Unter allen Menschen auf der Welt ist die Freundin von Mike Tyson vermutlich diejenige, die man gerade nicht anstarren sollte."

Die unfreiwillig parodistische Diskrepanz zwischen erstem und zweitem Blick, zwischen Schein und Sein, wie sie in Hollywood so fruchtbar gedeiht, findet sich auf "El Rey" zu einer wahren Obsession ausgearbeitet. "Oberflächlich betrachtet ist L.A. ein fröhlicher, sonniger Ort", bemerkt Gedge. "Aber wenn man unter die Oberfläche schielt, bekommt man den Eindruck, dass das nicht ganz richtig ist

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