Deutsche Bescheidenheit: RTL II macht aus Schöngeistern Gangster-Rapper - der Gegentrend kommt bereits aus den USA

(tsch) Mit schwierigen Erziehungsfällen verdient nicht nur die "Super Nanny" ihr Geld. Auch die unartigen Babes und Bitches von MTV, die sich bei den "Einsamer Star sucht Frau"-Shows "Flavor of Love" und "Rock of Love" nicht zu benehmen wussten, mussten meist noch einmal medienwirksam die Schulbank drücken. Nun steht beim Musiksender mit "From Gs to Gents" - übersetzt: "von Gangstern zu Gentlemen" - das nächste Benimm-Format in den Startlöchern (ab 15. August, freitags, 22.00 Uhr), in dem Fonzworth Bentley, P. Diddys ehemaliger Butler, 14 verschrobenen Aufreißern und Goldkettchenträgern so etwas wie Stil, Anmut und Etikette beibringen möchte. Die deutschen Fernsehmacher hinken dagegen mal wieder hinterher. Hier sollen bei RTL II noch in angestaubter "MTV Made"-Tradition unter anderem schöngeistige Poeten in schlecht gelaunte Gangster-Rapper verwandelt werden.

"Der Bluff" heißt die sechsteilige Doku-Soap, die bei den Münchnern ab 18. August immer montags um 21.15 Uhr zu sehen ist. Darin bekommen Normalos ein Coaching der besonderen Arbeit: In vier Wochen werden sie von allerlei Experten, Profis und Promis (unter anderem Gotthilf Fischer und Jürgen Drews) unter die Fittiche genommen, um am Ende in ihrem neuen Job oder Hobby bestehen zu können. Worauf sich der Zuschauer freuen darf, verraten bereits die Untertitel der jeweiligen Folgen: "Vom Schafscherer zum Promifriseur", "Vom Rocker zum Dirigenten", "Vom Fahrradkurier zum Polospieler" - oder eben wie beim Auftakt: "Vom Poeten zum Gangsta-Rapper".

Im Fall von Christian, einem strebsamen Literatur-Studenten im zehnten Semester an der Münchner Universität für Theaterwissenschaften, scheint die Metamorphose eher einer "Mission: Impossible" gleichzukommen - vor allem, wenn er Sätze sagt wie: "Mehr als die empirische Wirklichkeit interessiert mich eine poetische Wahrheit." Damit kommt man im Großstadt-Ghetto gar nicht gut an. Im Gegenteil: Im besten Fall gibt's für diese verkopften Statements abwertende Blicke, im schlimmsten Fall was auf die Fresse.

Aber Christian will unbedingt ein Gangster-Rapper werden. - und weite Baggy-Pants, überlange Shirts, die korrekten Treter und schicke Caps sind bei ihm nur der stylishe Anfang einer echt krassen Wandlung. Um ihn von den höheren Sphären der Klassik und Dichtung auf den Boden der Tatsachen herunterzuholen, lässt HipHop-Star Sammy Deluxe erst einmal sein Crew-Mitglied Ali A$ auf ihn los. Der kurdische Stiernacken soll Christian die Basics des Raps beibringen. Vom Bonner G Xatar gibt's eine Stunde in Sachen Street-Credibility, vom Meister Deluxe selbst weise Worte und von der Skandalnudel Lady Bitch Ray, selbst studierte Sprachenwissenschaftlerin und Doktorandin, vermutlich wertvolle Tipps, wie sich mit viel Kalkül jede Menge Tabus brechen lassen.

Inwiefern die Arbeit der Promi-Coaches fruchtet, zeigt sich schließlich nach 90 Minuten: Dann muss "Bluffer" Christian bei einem öffentlichen Bühnenauftritt sowohl das Publikum als auch eine kritische Jury von seinem Können überzeugen. Im Gegensatz zum Gewinner der Show "From Gs to Gents", die im Übrigen von keinem Geringeren als Oscarpreisträger Jamie Foxx produziert wurde, darf er sich allerdings nicht über 100.000 Dollar freuen, sondern nur über ein bisschen Beifall. Deutsche Bescheidenheit eben. Autor: Gerd Hilber/teleschau - der mediendienst
Bilder: MTV RTL II

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