Nur eine Floskel - macht trotzdem einen Unterschied. Die Deutschen haben Angst, jemanden zu nahe zu treten, können nur schwer aus sich herausgehen. Es gibt in keiner anderen Sprache so viele Sprichwörter, die der Persönlichkeitsentfaltung im Wege stehen: "Eigenlob stinkt", "Bescheidenheit ist eine Zier" ...

teleschau: Hören Sie auf, das macht ja depressiv!

Deißler: (lacht) So sind wir halt. Alles nicht so schlimm. Ich liebe Deutschland! Wir Deutsche haben doch das Super-Deluxe-Paket erwischt: In keinem Land gibt es so viele Sicherheiten und Freiheiten gleichzeitig ... - Aber auch nirgendwo mehr Jammerer und Mitklatscher.

teleschau: Nicht so förderlich für ein flirtfreundliches Klima ...

Deißler: Ein italienischer Journalist fragte mich dasselbe: "Wieso brauchen die Deutschen jemanden, der ihnen das Flirten beibringt?" Der Mann war fassungslos. Bevor ich antwortete, erzählte er mir etwas über die italienischen Frauen. Er sagte, die italienischen Frauen sind heute auch sehr emanzipiert, aber der wesentliche Unterschied: Die Italienerinnen sind sehr, sehr weiblich, sie scheuen sich nicht, sexy zu sein, ihre Reize einzusetzen. In Deutschland blieb diese Weiblichkeit im Zuge der Emanzipation ein bisschen auf der Strecke. Der deutsche Mann steht oft vor einer Frau und fragt sich: "Was will die eigentlich mit mir? Die kann ja alles allein."

teleschau: Gut, aber dann könnte die Frau beim Flirten das Heft in die Hand nehmen.

Deißler: Was sie nicht tut. Die haben noch die Worte ihrer Mütter im Ohr - jedenfalls wenn diese vor '68 geboren sind: "Mach dich rar. Sei nicht leicht zu kriegen." Auch die emanzipierteste Frau träumt davon, erobert zu werden - das wissen aber viele Männer nicht. Eine fatale Mischung. Schwierige Zeiten fürs Flirten - zumal es für die Anbahnung einer Beziehung keine Regeln mehr gibt, an die man sich halten könnte. Das mündet in ein Klima der Unsicherheit. Das zieht sich durch die gesamte Generation der heute 30- bis Ende-40-Jährigen. Alle rennen auf Ü-30-Partys, wollen flirten, aber keiner weiß: Was muss ich tun? Wie interpretiere ich Botschaften?

teleschau: Also, erklären Sie es uns!

Deißler: Der Klassiker: Frau sieht Mann. Wenn der Mann einen Raum betritt, hat sie ihn aus dem Augenwinkel bereits kurz abgescannt - das sind nur Sekunden, Bruchteile, ein Blick, der oft selbst der Frau nicht bewusst ist. Jetzt der springende Punkt: Die Frau schaut nur ein zweites Mal hin, wenn das, was sie sieht, in irgendeiner Weise für sie interessant ist

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