Nach der Tour ist vor der Tour: Auch 2009 übertagen ARD und ZDF die Tour de France (ab 04.07.)

Seit der "Stunde der Wahrheit", dem Auftritt des zurückgetretenen Tour-Dritten von 2008, des Österreichers Bernhard Kohl bei "Beckmann" am 25.05.2009, weiß man nun alles ganz genau: wie das geht mit dem Blut-Doping, mit dem Blutabzapfen im Winter und der Infusion zur Tour-Zeit, wenn es nötig ist, vor den schwierigen Etappen. "Man muss als Sportler ein Doppelleben führen", sagte Kohl bei Beckmann kurz und treffend. - Eine Lösung aus dem Dilemma scheint es kaum zu geben, auch Kohl hatte hart trainiert, ebenso wie die Kollegen vom Team T-Mobile, die sich bereits zuvor geoutet hatten. Es gebe keine Beweise für sauberen Sport, so versichern die Experten. - Was Wunder, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender Ende 2008 von der Tour endgültig verabschieden wollten. Doch nun, im Sommer 2009, sieht schon wieder alles anders aus. ARD und ZDF übertragen wieder - wenn auch stark verkürzt. Der Spartenkanal Eurosport treibt es wie eh und je weiter flächendeckend.

"Der sportliche Wert der Tour de France hat sich aufgrund der gehäuften Dopingfälle und den daraus gewonnenen Erkenntnissen erheblich reduziert, damit ist auch der programmliche Wert stark gesunken": Es klang nach einer vollständigen Absage an die "große Schleife", was der ARD-Vorsitzende Fritz Raff als Entscheidung der Intendanten nach der Tour 2008 verkündet hatte. Auch das ZDF kündigte daraufhin seinen Rückzug an.

Dabei hatten ARD und ZDF zunächst noch eine positive Bilanz gezogen. ARD-Teamchef Roman Bonnaire sah in der "relativen Ausgeglichenheit des Feldes" einen Beweis dafür, "dass die Maßnahmen im Antidopingkampf greifen". Dass "einzelne Fahrer" des Dopings überführt werden konnten, war dem Fernsehmann "ein Zeichen für einen Schritt in die richtige Richtung". ARD und ZDF hatten im vergangenen Jahr die Live-Auseinandersetzung mit dem Thema Doping gewagt und waren - wie das ZDF im Falle des spanischen Dopingsünders Manuel Beltran - sogar als Tatzeuge hervorgetreten, als dieser sich - wie vermeldet - "der Kontrolle entziehen wollte".

Doch nach der Tour ist vor der Tour, und so bieten ARD und ZDF im täglichen Wechsel wie ehedem nun immerhin eine Stunde tägliche Berichterstattung an: Die ARD sendet ab Samstag, 04.07., jeweils von 16.30 bis 17.30 Uhr, das ZDF ist von 16.15 bis 17.15 Uhr live dabei, samt Rückblenden auf die Etappe. Nicht nur der Radsportlaie fragt sich in Anbetracht der fortschreitenden Dopingskandale, ob dieses Verhalten angemessen ist. Offenbar kann man das Wort Doping innerhalb der Sportredaktionen kaum noch hören. ARD-Sprecher Harald Dietz (SWR) macht ums Thema gleichfalls einen weiten Bogen und glaubt, dass die öffentlich-rechtliche Berichterstattung von der Tour 2009 "journalistisch angemessen" sei. Die knapp bemessene tägliche Stunde resultiere daraus, dass "das Thema Rad nicht von großem Interesse beim Zuschauer" sei. Man verzeichne "eine gewisse Radsportmüdigkeit - woher sie auch kommen mag."

Sich ganz zurückzuziehen, das verhindern offenbar die im September erneut erworbenen Rechte via Europäische Rundfunkunion (EBU), die zu günstigeren Konditionen abgeschlossen wurden und die man nun trotz neu geouteter Dopingfälle (Stefan Schumacher, Bernhard Kohl) nicht ungenutzt lassen will. Wäre ja auch zu schade um die Tour: Die Veranstalter selbst mühen sich redlich um sauberen Sport, doch der internationale Radsportverband zieht nicht in dem Maße mit, das letztlich vonnöten wäre.

Gestartet wird diesmal mit einem Zeitfahren im mondänen Monaco, die sechste Etappe wird wiederum ins Ausland, diesmal nach Barcelona, führen (von wo es anderntags hinauf nach Andorra geht)

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