Maria Furtwängler: Kommissarin im Außendienst

Dass jemand ganz oben angekommen ist, zeigt sich vermutlich nirgends besser als am prallen Terminkalender. Gerade hat Maria Furtwängler einen weiteren langen Drehtag zur neuen "Tatort"-Episode hinter sich gebracht (seit 2002 spielt sie die NDR-Kommissarin Charlotte Lindholm). Nun heißt es: rasch abschminken, denn am selben Abend sind zwei Vorgespräche für neue Projekte anberaumt. Und das ist noch nicht alles. Aus aktuellem Anlass gibt es quasi zwischen Tür und Angel Wichtiges zu bereden. Am Mittwoch, 08.07., um 21.45 Uhr, zeigt das Erste die Schauspielerin im Dokumentarfilm "ARD-exclusiv: Einsatz in Kalkutta" beim ehrenamtlichen Engagement für die Hilfsorganisation "Ärzte für die Dritte Welt". "Ich weiß gerade wirklich nicht, wo mir der Kopf steht", stöhnt die 42-Jährige, beweist im Gespräch dann aber das glatte Gegenteil.

teleschau: Sie engagieren sich seit zehn Jahren für "Ärzte für die Dritte Welt". Bekommen Sie bei Ihren Auslandseinsätzen langsam Routine?

Maria Furtwängler: Ich war bereits zum vierten Mal in Kalkutta. Routine ist der falsche Ausdruck, aber es ist ein bisschen wie nach Hause Kommen. Ich kenne die Ärzte, ich kenne unsere Straße, ich kenne den Rikschafahrer, der uns chauffiert. Es hat nicht mehr den Schrecken der ersten Besuche.

teleschau: Können Sie diesen Schrecken beschreiben?

Furtwängler: So ein Slum kann einen schon schocken: der Gestank, der Dreck, die Krankheiten. Ich hatte beim ersten Besuch gleich ein Kind mit einer offenen Tuberkulosewunde auf dem Arm, da dachte ich: "Hoffentlich komme ich hier selbst heil raus!" Aber diese Berührungsängste verlor ich völlig. Zumal die Menschen dort unendlich freundlich und offen sind.

teleschau: Sie lernten verschiedene Elendsgebiete kennen. Sind die Zustände in Kalkutta besonders erschreckend?

Furtwängler: Mein erster Einsatz führte mich nach Nairobi, Kenia, wo das HIV-Problem gerade bei Kindern grassiert. Das empfand ich als sehr bedrückend. In Kalkutta hat sich über die Jahre einiges getan. Doch es gibt Stellen, wo die Zustände nach wie vor grauenvoll sind. In Indien erkranken jährlich eine Million Menschen an Tuberkulose, 200.000 Menschen sterben an den Folgen. Die Gründe hierfür sind Armut, Minderernährung und die Tatsache, dass die Menschen auf engstem Raum leben.

teleschau: Gibt es einheimische Ärzte, an die sich die Menschen dort wenden können?

Furtwängler: Keine Ärzte, sondern sogenannte "Quacks". Das sind tatsächlich Quacksalber, die alles noch schlimmer machen. Sie verschreiben ihren Patienten Medikamente, die kurzfristig die Symptome lindern, aber zu den gefürchteten Resistenzen führen. Dagegen muss etwas getan werden, gerade im Sinne der Frauen ...

teleschau: Werden Frauen bei der medizinischen Versorgung benachteiligt?

Furtwängler: Das ist der Punkt, der mich mehr aufbrachte als alles andere: Frauen sind in den Slums sowohl der Muslime als auch der Hindus schlicht nichts wert. Ein Beispiel: Einer tuberkulosekranken Frau wurden nach dem Tod ihres Mannes von den Schwiegereltern die beiden Söhne weggenommen. Die sind was wert, die können später arbeiten. Dann wurde sie mit ihren beiden Töchtern mittellos sitzen gelassen. Deshalb sorgen die "Ärzte für die Dritte Welt" nicht nur für die medizinische Behandlung kranker Frauen, sondern auch für eine berufliche Perspektive

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